Mittwoch, 9. April 2014

memories: Die Geschichte vom Findelhund

Nun ist unser Familienhund schon etliche Male hier im Blog aufgetaucht; es wird Zeit, dass ich einmal erzähle, wie er zu uns kam (bzw. wir zu ihm - "wie die Jungfrau zum Kinde", sagt man wohl). Es ist eine längere Geschichte, die mindestens zweien meiner Buben in jenem Jahr zu guten Aufsatznoten zum Thema "Mein schönstes Ferienerlebnis" verholfen hat. Hier also meine Version:
 

Es war einmal ein kleiner Junge, der liebte Tiere über alles (jedenfalls die vierbeinigen...). Und sein immer wieder geäußerter Herzenswunsch war: ein Hund! Nichts sonst zum Geburtstag, nichts zu Weihnachten - aber bitte, bitte einen Hund!
Leider hatte die Mutter des kleinen Jungen so manchen Einwand (ganz abgesehen davon, dass sie nie eine große Hundefreundin gewesen war): Jedes Jahr zwei oder drei Wochen Sommerurlaub in Siebenbürgen, 1600 km hin und ebensoviele zurück, in einer Gegend, wo es von herumstreunenden Hunden nur so wimmelt - wie sollte das gehen? Und so ein Hund muss erzogen werden - drei Kinder waren ihr gerade genug! Damit das Kind nicht so ganz ohne eigene Tiere aufwachsen musste, zogen im Laufe der Zeit Häschen, Meerschweinchen und Fische bei ihm ein. Der Junge hatte seine Freude daran, aber die Sehnsucht nach einem Hund wurde dadurch kein bisschen weniger.



Als der kleine Hundefreund acht Jahre alt war, verbrachte er mit seiner Familie die Pfingstferien wieder einmal in der siebenbürgischen Heimat seines Papas. Am vorletzten Tag vor der Heimreise, die Eltern machten sich eben auf den Weg zum Einkaufsladen, kam er ihnen atemlos den Weg herunter entgegengerannt: "Mama, Papa, kommt schnell - wir haben einen kleinen Hund gefunden!" Tatsächlich war es ein sehr kleiner Hund, ein höchstens fünf Wochen alter Welpe, den die Kinder aus einer Telefonzelle befreit hatten. Irgendjemand hatte ihn dort hineingesetzt, um ihn loszuwerden.


Die Mutter des kleinen Jungen trug ihn hinunter ins Ferienhäuschen, und während das winzige warme Fellknäuel sofort anfing, an ihren Fingern zu saugen, konnte sie nicht umhin, gewisse mütterliche Gefühle zu verspüren. Ziemlich starke mütterliche Gefühle, um ehrlich zu sein.
 











Zuhause angekommen, bekam das Hundekind einen Rest Spaghetti mit warmer Milch, die es unter den begeisterten und gerührten Blicken von Kindern, Eltern und Verwandten ratzeputz und ohne abzusetzen verschlang (wobei sich in die elterlichen Blicke auch schon eine gewisse Besorgnis mischte: und was jetzt?!).


Das kleine Kerlchen, das der Familie so mir nichts, dir nichts in den Schoß gefallen war, war unbeschreiblich süß und unbeschreiblich verlaust/-floht/-ungeziefert. Und es war von einem großen Taten- und Entdeckerdrang erfüllt und stromerte auf dem ganzen Grundstück herum, die Kinder im Schlepptau, die aufpassten, dass das unverhoffte Geschenk des Himmels nicht etwa wieder verschwand.


In der folgenden Nacht lag die Mutter längere Zeit wach und wälzte Gedanken hin und her: Eigentlich will ich keinen Hund. Wir kennen uns doch gar nicht aus mit Hunden. Außerdem ist dieser Welpe weder geimpft noch mit irgendwelchen Papieren versehen. Vielleicht ist er sogar krank. Den dürfen wir ja gar nicht mitnehmen. Wie sollen wir ihn über drei Grenzen bringen? Andererseits: wie sollen wir unseren Kindern erklären, dass wir dieses Hundebaby, das noch nicht mal richtige Zähne hat und alleine wohl kaum überleben wird, einfach seinem Schicksal überlassen? Morgen abend wollen wir nach Deutschland zurückfahren - bis dahin finden wir niemanden, der für ihn sorgt. Gibt ja eh viel zu viele Hunde hier. Wie könnten wir jemals wieder von "Bewahrung der Schöpfung" oder Nächstenliebe sprechen und unseren Kindern in die Augen schauen? Und... war dies nicht eine deutliche Antwort auf den Herzenswunsch des Kindes?


Irgendwann merkte die Mutter, dass sie nicht die einzige war, die schlaflos lag. Der folgende nächtliche Gedankenaustausch gipfelte in der immer noch ratlosen Frage an ihren Mann: "Ja, und was machen wir denn jetzt?" Worauf dieser die Verantwortung übernahm und sprach: "Wir nehmen ihn einfach mit!"















Und so geschah es.
Der Findelhund wurde kurz vor der rumänisch-ungarischen Grenze (wo noch gründliche Kontrollen stattfanden damals) in einen Rucksack gesteckt, der auf dem Boden vor dem Rücksitz platziert war, die frischgebackene Hundestiefmutter steckte ihre Hand in den Rucksack, und während der Vater den Grenzbeamten freundlich plaudernd ablenkte, lutschte das Hundekind eifrig an ihren Fingern und machte keinen Mucks. Es wusste wohl, dass es um sein Leben ging, meinten die Kinder nachher.


Auch in der folgenden Nacht, die es alleine im Auto verbringen musste, weil seine neue Familie in einem ungarischen Pensionszimmer übernachtete, verhielt  sich das kleine Kerlchen vorbildlich und machte nicht einmal die alten Decken und Handtücher nass, die man ihm vorsorglich untergelegt hatte. Wie es das wohl geschafft hat?

So kam es schließlich wohlbehalten in seiner neuen Heimat an, wurde gebadet, geimpft, gechipt (was ein Hund hierzulande alles über sich ergehen lassen muss...) und vor allem ganz viel gestreichelt und geschmust. Und als die Mutter am ersten Abend zuhause innerlich ein wenig seufzte, weil sie sich erst an den "Duft" gewöhnen musste, den so ein Tier eben an sich hat, da seufzte im selben Moment das jüngste Herrchen (das zwar wegen seines Hundewunsches wohl der Adressat dieses Himmelsgeschenkes war, das aber keine Fotos von sich im Blog sehen will, weshalb hier nur die großen Brüder vertreten sind) glücklich auf und meinte: "Ach Mama - der riecht sooo gut nach Hund!"

Was soll man da noch sagen?



Das alles ist nun schon fast acht Jahre her. Das Hundekind wurde groß, bekam spitze Zähnchen, die es überall ausprobierte (auch gerne an Kinderzehen), ließ sich so manches beibringen (anderes wiederum nicht) und erwies sich insgesamt als ruhiger, unkomplizierter und, Gott sei Dank, kerngesunder Hausgenosse. Die  Frage anderer Hundebesitzer nach der Rasse wurde von den Kindern gelegentlich mit "tiefergelegter Collie" beantwortet - Tatsache ist, dass dieser Hund einen eher kräftigen Körper mit dichtem, langhaarigem Fell auf zwei Paar süßen krummen Dackelfüßen spazierenträgt. Dem Herrchen tut der tägliche Auslauf ebenso gut wie dem Hund. Und auch das Frauchen bekommt mit vierbeinigem Begleiter mehr frische Luft als ohne. Nur der kleine Junge von damals ist jetzt ein großer Junge und muss diesbezüglich doch ziemlich gebeten werden... aber lieben tut er den Findelhund immer noch sehr!


"Ach ja, und das ist übrigens nicht mein Name da auf der Schachtel! Ich heiße auch nicht Bello oder Rex oder wie so Hunde hierzulande alle heißen. Mein Name ist "Buksi" (so schreiben das die Ungarn - rufen muss man mich "Bukschi"), und bedeuten tut es sowas wie "Wuschel". Weil ich so ein schöner wuscheliger Hund bin!


Alles klar? Wuff...!"


Kommentare:

  1. Für den Buksi hat das Leben in allerletzter Minute noch eine gute Wende gefunden. Man könnte meinen, das weiß er auch. Ein Hund mit Schweineglück und das würde ich jedem Tier von Herzen gönnen. Da wäre ich auch nicht dran vorbei gekommen.
    Eine liebevolle Geschichte und ich freu mich, dass ich sie kennenlernen durfte.

    Eine Streicheleinheit für Buksi und ein "Danke" an Dich
    von Beate

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Haha, der Hund hatte Schwein, und das Kind auch... :-)

      Löschen
  2. Einen ersten Preis für dich für blitzschnelles Bloglesen! :-)
    Und danke für die Kamera-Mail, Antwort folgt!

    AntwortenLöschen
  3. So eine schöne und rührende Geschichte hast du aufgeschrieben, liebe Brigitte. Aber sag doch mal, ist das jetzt wieder derselbe Hund, von dem du kürzlich sagtest, er sei frisch geschoren worden??? Wenn ja, dann bin ich irre erstaunt, weil das in meinen nicht fachmännischen Augen so einen großen Unterschied macht. Und ehrlich: ich hab' mich schon einwenig in ihn verguckt, als er so frisch vom Frisör kam ;-)... Toller Hund!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wir waren auch ganz baff, als wir ihn zum ersten Mal scheren ließen (man muss das machen, weil das Langhaarfell immer irgendwann hinter den Ohren verfilzt, wegen der Unterwolle). Der Hund sieht dann viel jünger aus, ähnlich wie wenn ein Mann den Vollbart abnimmt :-)

      Löschen
  4. So ein süßer kleiner Fratz, ich glaube ich hätte genauso gehandelt wie ihr, einpacken und mitnehmen, wer weiß wie es ihm ergangen wäre. Ich würde mal sagen, dass er ein guten "kısmet" gehabt hat :-D. Übrigens steht auf dem Karton Akdeniz das ist türkisch und bedeutet "Mittelmeer" oder auch "weißes meer" aber Buksi passt besser zu ihm.
    LG Papatya

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dass es türkisch ist, dachte ich mir - danke für die Übersetzung! "Deniz" ist doch aber auch ein Name (ich kenne einen). Heißt das dann einfach "Meer"?

      Löschen
    2. Evet, ich meine ja, Deniz = Meer

      Löschen
  5. Oh was für eine schöne Geschichte! Aber an der Grenze wäre ich wahrscheinlich vor Angst verrrückt geworden :-)
    Viel Spaß auch weiterhin mit Eurem Liebling,
    liebe Grüße von Petra

    AntwortenLöschen
  6. Ach, da freut man sich mit, mit dem Hündchen (mittlerweile Hund!!!) Schön, dass Ihr Euch so entschieden habt, dass wünscht man noch mehr Tierchen. Alles Gute dem Kleinen weiterhin und, dass er noch lange an Eurer Seite sein darf.
    LG
    Manu

    AntwortenLöschen
  7. Das ist eine schöne Geschichte alles kommt zu uns was sein darf ich glaube ich hätte den auch mitgenommen mein Sohn liegt mir schon lange in den Ohren und immer suche ich nach ausreden ,deine Bilder sind so schön in Ungarn waren wir vor 12 Jahren unser erster Urlaub als Familie habe leider keine Hunde gesehen aber wer weis was noch zu uns kommt .lg galina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Siebenbürgen ist ein Teil von Rumänien, aber da leben auch sehr viele Ungarn. Was das Anschaffen von Hunden betrifft: man sollte es wirklich nur machen, wenn man bereit ist, das Gassigehen auch selber zu übernehmen, sobald der Reiz des Neuen bei den Kindern verfliegt... Ich hätte aber vorher gar nicht gedacht, dass es so viel Spaß macht, mit Hund unterwegs zu sein :-)

      Löschen
  8. Gott, da hat der "Kleine" aber Glueck gehabt.
    Wir hatten auch bis Septemer einen Hund; etwas ueber 14 Jahre ist sie geworden.

    Ganz liebe Grüße
    Birgit

    AntwortenLöschen
  9. Eine wunderschöne Geschichte - wer hätte diesem kleinen Fellbündel schon widerstehen können ;) Ein wunderschöner Hund ist aus dem süßen Welpen geworden. Ich weiß nicht, ob ich mich getraut hätte, das Tier mitzunehmen. Glückwunsch an Euch und noch eine tolle gemeinsame Zeit! Lieben Gruß, Christine

    AntwortenLöschen
  10. Das war wirklich in alle Richtungen mutig ihn mitzunehmen! Ihr wusstet ja nicht, wie groß der mal werden wird. Ich mag diese "Promenadenmischungen" am liebsten und die Fotos von dem Fellbündel sind allerliebst. Auch als großer Hund gefällt er mir. Danke, dass du uns die nette Geschichte aufgeschrieben hast. Danke auch an Papatya für die Übersetzung. Ich hatte gehofft, als ich das Wort sah, dass sich hier eine türkisch sprachige Kommentatorin dazu äußert. Denn dieses Wort las ich schon öfter auf solchen Kartons. Ich wünsche dir und euch noch viele schöne Stunden mit eurem Buksi.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja du, das habe ich anfangs auch befürchtet, dass das vielleicht so ein Riesenvieh wird, wo man dann immer aufpassen muss, dass es nicht die Wurst vom Tisch frisst... Glück gehabt!

      Löschen
  11. Haaach. Wirklich eine anrührende Geschichte.
    Und eine, die mir ein wenig Bauchweh macht.
    Wir haben vor 2 Jahren aus dem Ungarnurlaub einen getigerten Kater NICHT mitgebracht, obwohl ich ihn sehr liebgewonnen hatte.
    Weil ich Angst wegen der (inzwischen offenen Grenze) und der langen Fahrzeit hatte.
    Weil der Liebste eine Katzenallergie hat.
    Weil wir noch 2 Nächte im Schiffshotel in Budapest auf der Donau vor uns hatten...
    Alles gute Gründe.
    Und doch weint noch immer mein Herz, weil wir ihn dort zurückgelassen haben.
    Gut, dass ihr das Hundebaby bei euch habt!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Claudia,
      ich finde, eine Allergie ist ein klares Argument für ein "Nein" zu einem Haustier. In diesem Fall hätte ich auch ganz bestimmt keinen Hund mitgenommen. Mein Ältester hatte jahrelang mal mehr, mal weniger Neurodermitis und so etwas (oder auch Atemwegsbeschwerden) würde ich auch für das liebste Tier nicht in Kauf nehmen. Dass das Herz blutet, ist verständlich, aber da muss die Vernunft entscheiden, finde ich.
      Tröstlicherweise kommt eine Katze viel besser ohne Menschen zurecht als ein Hund... sie sucht sich ihre "Futterspender" oder geht jagen... :-)

      Löschen
  12. Das ist wirklich eine rührende Geschichte, insbesondere der Teil mit dem Hundeduft =)
    Und du hast Recht; die ersten Bilder wecken definitiv Muttergefühle!
    Liebe Grüße,
    Kathrin

    AntwortenLöschen