Freitag, 5. Februar 2016

...was man noch brauchen kann...

Wenn es eng wird im Keller und unterm Dach, dann muss dringend entrümpelt werden, da sind wir uns einig, mein Papa und ich. Und dass man Sachen, die man noch brauchen kann, nicht wegwirft, ist auch unstrittig. Nur: was nun irgendwann noch gebraucht werden könnte und was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die nächsten zehn Jahre nicht von der Stelle bewegen wird, darüber gehen die Meinungen manchmal ziemlich auseinander...
Bücher können in dieser Hinsicht schwierig sein, viele Jahrgänge wohlsortierter Fach- oder auch Kunst&Kulturzeitschriften, Stoff- und Wollvorräte (ja, ich habe auch so meine heiligen Kühe, gebe ich zu) und viele andere Materialien, aus denen "man noch etwas machen kann".




Zum Beispiel die Holzvorräte. Mein Vater ist zwar nicht von Beruf, aber doch mit großer Leidenschaft und beachtlichem Sachverstand Schreiner, und da er vor dem Architekturstudium eine halbe Zimmermannslehre gemacht hat, auch auf diesem Gebiet recht beschlagen. Ein gut Teil der Möblierung dieses Hauses stammt aus seiner Kellerwerkstatt, den Gartenteich samt Holzterrasse drum herum hat er mit eigenen Händen gebaut, und hinter dem Haus harrt ein Geräteschuppen der Vollendung. Letzterer und auch so manches andere Stück besteht zum großen Teil aus gebrauchtem oder übriggebliebenem Material. Kein kaputter Tisch, kein altes Sofa darf einfach zum Sperrmüll gegeben werden, ohne dass es zerlegt und alle noch brauchbaren Teile aufgehoben werden. Was natürlich gut und richtig ist - dennoch: der Stauraum ist sehr begrenzt (das Haus ist nur halb unterkellert, vieles lagert auch in der Garage...), und auch die Schaffenskraft des betagten Hobbyschreiners stößt an unübersehbare Grenzen. So kommt es, dass wir immer mal wieder um paar Teile, die meiner Meinung nach wirklich keine Zukunft mehr haben, heftig feilschen. Zum Glück hat meine Schwester einen Schwedenofen im Wohnzimmer stehen, und die Möglichkeit, das aussortierte Material immerhin noch verheizen zu können, macht das Loslassen ein kleines bisschen leichter...
 
Es  kommt  aber  auch   vor, 
dass mich die Akribie, mit der mein Papa alles Mögliche und Unmögliche aufhebt, richtig glücklich macht! Dann nämlich, wenn ich für einen ganz bestimmten Zweck händeringend nach irgendeinem "Zeugs" suche, von dem ich selber keine genaue Vorstellung habe, was es denn sein könnte. 



Neulich zum Beispiel: Ich hatte für einen offenen Frauentreff einen Abend zum Thema "Labyrinthe" zu gestalten. Ein Lieblingsthema von mir, das ich mit viel Freude vorbereitet habe. In dem Gemeindehaus, in dem der Abend stattfinden sollte, gab es einen leeren Nebenraum, der mich auf die Idee brachte, nicht nur über die Geschichte und Symbolik von Labyrinthen zu reden, sondern auch eines zum Begehen anzubieten.
Nur: woraus sollte ich es bauen? Einmal habe ich schon eines mit Kreppklebeband  auf den Boden geklebt. Das geht ganz gut, aber die Ästhetik von Malerkrepp ist doch eher - na ja, unelegant... und für "Eva's Evening" wollte ich ein schönes Labyrinth haben. Dickes weiches Nylonseil aus dem Baumarkt ist teuer und verrutscht leicht. Farbige Tücher sehen wunderschön aus, zumal für Frauen - aber woher so viele passende nehmen? Ein Lichterlabyrinth ist schon lange mein Traum, aber nur im Freien und nicht auf Parkett. Suchend streifte ich über den Dachboden - und mein Blick fiel auf das hier:

                                                                         
Keine Ahnung, wie viele Jahre es gedauert hat, bis diese Sammlung beieinander war. Aber ich erinnere mich wohl, dass wir ab und zu gegrinst haben, wenn mein Vater nach dem Eisschlecken den Stiel sorgfältig abspülte und aufhob: "Da kann man mal was draus machen!" Es stimmt: so manches Erstaunliche hat er schon aus "Abfällen" und Fundstücken gebastelt. Aus einem Eisstiel-Projekt ist aber doch nichts geworden - bis jetzt. Denn nun sah ich es vor meinem inneren Auge: das Eis-am-Stiel-Labyrinth!  


Und es wurde fast noch schöner, als ich erwartet hatte. Genau eine Stunde brauchte ich zum Auslegen, in der Mitte brannte eine Kerze und jede Frau durfte sich eine kleine Karte mit einem guten Spruch mitnehmen. Während des langsamen Gehens sangen wir leise einen Kanon. Es war sehr stimmungsvoll und eine schöne Abrundung des Abends!


Also: immer fleißig Sachen sammeln - man weiß nie, wann man sie braucht! ;-)
 

Kommentare:

  1. Liebe Brigitte,
    an diesem Abend hätte ich sehr gern teilgenommen. Labyrinthe üben eine große Anziehungskraft auf mich aus und sehr gespannt wäre ich gewesen, auf welche Weise du an das Thema heran gegangen bist...
    Die vielen Eisstiele über Jahre hinweg aufzuheben ist schon sehr ungewöhnlich. (Sind Eisstiele eigentlich genormt und alle gleich lang/ breit/ dick?)
    Jäger und Sammler sind wir Menschen und selbst erwische ich mich auch immer wieder auf solchen Pirschgängen, wie du den deinen beschreibst. (Öhöm, hüstel und meist enden sie erfolgreich.)
    Und doch: weniger ist mehr, denke ich in letzter Zeit immer öfter - und bemühe mich um Reduktion...
    Das tut auch gut.
    Claudiagruß

    P. S. Über einen Pulli oder eine Jacke mit dem Zackenrand der Stulpen, habe ich auch nachgedacht. Leider müsste man jedoch alles kraus rechts und von Seite zu Seite, statt von unten nach oben stricken. Das ist nicht so meins, glaub ich.

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  2. wow, also ich bin ja auch ein sammler, aber eislutscherstaberl hab ich nicht im haus ... und schon gar nicht so viele!
    in der arbeit gibts einen stapel gekaufte zum basteln, wir verwenden sie manchmal als staken beim körbeflechten.
    die idee mit dem labyrinth find ich ganz toll!
    lieben gruß, susi

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  3. Mein alter Herr hat seine Kindheit in bitterster Armut verbringen müssen. Später in Deutschland hatte er mit zwei Jobs nicht das halbe Gehalt seines studierten Berufes. Als er mich mal fragte, was ich als Anfangsgehalt bekam, habe ich mich geschämt, es ihm zu sagen: es war in etwa soviel, wie er in den letzten Jahren seiner Berufsausübung verdiente. Er hat sich zeitlebens schwer damit getan, Dinge, die noch einen Wert hatten, zu entsorgen. Die Beweggründe kann ich so gut nachvollziehen. So extrem war ich nie, habe auch nie Armut durchgemacht, aber ich scheue mich davor auf der einen Seite ständig zu kaufen, um auf der anderen bei gelangweiltem nichtgefallen zu entsorgen. Kleidungsstücke z.B., die noch gut sind, hebe ich auf. Mein Sohn wird demnächst eine Feincordjacke erben, die ich in meiner Jugend getragen habe. Das Teil ist übber 35 Jahre alt und sieht aus wie neu. Er freut sich darauf. Ich mich auch.
    LG.

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  4. ♥ Ich würde so gerne einmal an einem euren Frauentreffen teilnehmen...
    Meine Grosseltern hatten auch ihre Sammlung in der Werkstatt von meinem Grossvater -er hat es nie benutzt, denn kurz danach es gebaut wurde, ist er gestorben-, Dachboden, Keller, alles war voll mit Sachen, die wir nicht wegwerfen durften. Solang meine liebe Oma noch lebte. Dann wurde das Haus verkauft und wir mussten es leeren. Keine von uns hatte so viel Platz, und so kamen viele Sachen auf Spermüll. Und jetzt? Seit ich nicht mehr in der Stadt lebe, sagen wir mit meiner Mutter immer wieder, dass wir dies und das doch noch brauchen könnten...
    Und wie unser Dachgeschoss nach 7 Jahren aussieht? :-)

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  5. Ich habe immer gerne gesammelt und mir kam mein Beruf da sehr entgegen. Wegwerfen fiel mir dagegen schwer und so besitze ich heute noch (nach zwei Umzügen) Dinge, die ich sicher nie mehr brauche, aber die Erinnerungen sind. Fragt sich, wieviel Erinnerung braucht man? Etwas wegzuwerfen bedarf also für mich einer ganz bestimmten Stimmung. Ich möchte sie mal als "Aufbruchstimmung" bezeichnen.

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  6. Dein Vater ist also auch ein richtiger Strohzugolder! Und das mit großer Ausdauer. Dein Labyrinth ist aus jahrelangem Genuss entstanden- wie sollte es da nicht ein gelungener Miztefinder sein...
    Ich mag es sehr, natürlich, wenn das Material seinen Sinn ändert, anstatt zu Müll zu werden. Allerdings mag ich das Sammeln um des Sammelns willen nicht mehr so gern. Inzwischen versuche ich, so manchem Mitnehmimpuls zu widerstehen und mich eher drauf zu verlassen, dass das, was ich brauche für ein Projekt, schon irgendwie zu mir kommen wird. Es ist einfach befreiend, wenn Keller und Dachböden sich leeren.
    Lieben Lisagruß!

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  7. Ich musste beim lesen deines Post schmunzeln. Ich habe so einen Mann zu hause. Als Bauingenieur hat er auch immer für mich Lösungen meiner Probleme gefunden und etwas verbessert oder sogar neu gebaut, wenn ich ihm irgendwelche Gerätschaften für meine Wollspinnerei gezeigt habe. Unsere Nachbarn haben schon hier nachgefragt, wenn ihnen irgend eine besondere Schraube fehlte und siehe da , mein Mann hatte sie. Neulich hat er aber angefangen auszusortieren, denn auch unser Keller und die Garage können nicht unendlich vollgepackt werden. Ich muss gestehen ich bin ähnlich veranlagt. Ich habe einen ganzen Kofferraum voll Stoffe und Wolle für meine Flüchtlingshilfe- Handarbeitsgruppen gespendet und es ist schon befreiend, wenn der Schrank leerer wird.
    LG Ute

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  8. Hiernach hatte ich gesucht, und jetzt hab ich ihn wiedergefunden. Zu einer Sammler-Familie zählen unsere Familien auch und daher kann ich beide Seiten verstehen. (Fast) jedes Ding kann irgendwie nochmal nutzbar sein, meine Großeltern hatten auch so ein ausgeklügeltes System, alles sortiert und beschriftet. Ich liebe solch geordnetes "Chaos", denn viel wird es schon im Lauf der Jahre. Und dann kommen diese Momente des, "Wenn ich ehrlich bin, bauche ich dies und das doch nicht mehr" und dann kann ich mich gut trennen. Zum Glück kann auch immer die Schule oder Freundinnen Werk- und Bastelmaterial gebrauchen oder die Hirten freuen sich über neue/alte Hüte. Mach´s gut, Birgit

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    1. Genau, die Hirten - und prächtige alte Vorhänge für die Könige! ;-)

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