Sonntag, 25. September 2016

Wie es weitergeht

Lange habe ich gewartet und gezögert mit dem Schreiben, wollte erst sehen, wie sich alles anlässt und ob es am Ende etwas Positives zu berichten gäbe. War so unsicher, ob es richtig ist, was ich tue - und so froh, eine Schwester zu haben, die mitdenkt und mitentscheidet und mit der ich mich einfach unglaublich gut verstehe.

Aber der Reihe nach. 

Zwei Wochen nach diesem Eintrag war klar, dass es mit meinem Vater doch nicht so weitergehen konnte. Ich war ständig mit heftig wechselnden Stimmungen und immer wieder mit - oft erschreckenden - Halluzinationen konfrontiert und konnte kaum etwas tun, um ihn da rauszuholen (außer einmal, als er überall Flammen sah und sehr aufgeregt war: da war er zum Glück gerade gut zu Fuß und wir setzten uns ins Auto und fuhren eine Weile durch die Gegend...). Es war psychisch und physisch ein dauerndes Auf und Ab. Ich sah ein, dass es ohne ein geeignetes Medikament nicht besser werden würde, und das konnte nur in der Klinik ausprobiert werden.
Also kam mein Vater nun doch in die Gerontopsychiatrie im Weißenhof-Klinikum. Ich mache es kurz: diese Station war das Beste, was uns in diesem Stadium passieren konnte. Hell und so wohnlich, wie es eben unter diesen Umständen möglich ist, mit freundlichem, hilfsbereitem Pflegepersonal, das sich Mühe gab, auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen, und mit sehr gutem Essen (wichtig!!). Ich war jeden Tag einige Stunden dort und hätte nie gedacht, dass ich mich an einem solchen Ort so wohlfühlen würde - auch wenn die Sorge um meinen Vater groß war, aber er war hier am momentan richtigen Platz. Ich habe viel gelernt in diesen drei Wochen, worüber ich später mal noch mehr schreiben möchte. Und einige der Patienten sind mir mit ihrem auf je ganz eigene Weise sonderbaren Wesen ein bisschen ans Herz gewachsen...
Nach einer Woche wurde ich zum Arztgespräch gebeten und erfuhr, dass mein Vater nicht Alzheimer hat, sondern eine Lewy-Körperchen-Demenz. Diese Demenzform hat dieselben Ursachen wie Parkinson und es können auch ähnliche Symptome auftreten (die Verlangsamung der Bewegungen, die schwer beweglichen Finger waren ja schon zu sehen). Im übrigen hat er die typischen Symptome, und auch die Tatsache, dass er die bei Alzheimer üblichen Medikamente nicht verträgt, gehört zum Krankheitsbild. Ein einziges Medikament wirkt ganz gut (Quetiapin), indem es die Heftigkeit der Halluzinationen etwas mildert. Aber leider gibt es keine Möglichkeit, etwas gegen die nächtliche Unruhe zu tun. In der Klinik wurde mein Vater nachts fixiert (mit einem sog. "Kombifix", der Hände und Füße freilässt). Der Arzt sagte, ich solle es mir gut überlegen, ob ich es unter diesen Umständen wirklich mit häuslicher Pflege versuchen wolle - er kenne keinen solchen Fall bei dieser Diagnose.
Meine Schwester und ich haben alle Möglichkeiten durchgesprochen. Der springende Punkt war letztlich die Tatsache, dass es wegen der Nächte nicht gehen würde. Auch mit Fixierung (was ich sehr ungern getan hätte) muss man regelmäßig nach dem Patienten schauen. Und ohne hätte ich weiterhin neben ihm schlafen und ebenfalls mehrmals pro Nacht aufstehen müssen.
Es grenzt an ein Wunder, dass wir in dieser Situation ganz kurzfristig nicht nur einen Pflegeplatz bekamen, sondern dass dieser auch in einem der drei Häuser ist, auf die ich für diesen Fall gehofft hatte. Mein Vater ist dort auf einer geschlossenen Station, es geht ihm - nun ja, gut wäre nicht das richtige Wort, aber besser als wir zu hoffen gewagt hätten. Er wird nicht fixiert, worüber er froh ist. Die Sturzgefahr ist natürlich da, aber es gibt dort keine Treppen und Stolperfallen wie zu Hause, weglaufen geht auch nicht, und die Nachtwache schaut oft herein. Mit dem Eingewöhnen wird es noch dauern, aber wir haben jetzt einen Rollstuhl bekommen, so dass wir raus in den Park gehen können und demnächst auch mal hierher nach Hause (ob er es wiedererkennt? ich bin gespannt). Als ich mich heute abend verabschiedete: Ade, Papa, ich gehe jetzt heim! fragte er: Heim... wohin?
Heimgehen dürfen - das wünschen sie sich, glaube ich, alle.  
 

Kommentare:

  1. oh, wie ergreifend! Meine besten Wünsche Dir und Deinem Papa

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  2. Es ist so wichtig, daß ihr da sein könnt. Und dazu muß man ausgeruht sein. Sonst hat keiner wirklich etwas von diesem Zusammen sein. Ich wünsche deinem Papa, daß er sich dort gut einlebt, daß ihr in diesen schwierigen Zeiten noch möglichst viel Gutes miteinander haben dürft. Alles Liebe.

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  3. Ich habe bei Euch das Gefühl, es kommt alles, wenn es gebraucht wird, selbst in einer solchen persönlichen Lebenslage. Es ist nicht leicht das Gespür für das Leben zu behalten in diesen Situationen, denke ich. Deshalb kann ich Dir und Deiner Familie nur von Herzen wünschen, es mögen sich immer die positiven Seiten in all den Dingen zeigen.

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  4. Liebe Brigitte,
    man hört aus deinem Bericht heraus, wie schwer dir die Entscheidung gefallen ist, aber ich denke es ist zu euer beiden besten, wenn er in einem guten Pflegeheim untergeberacht ist, wo du auch ein gutes Gefühl hast. Nicht alle Pflegefälle sind gleich und ich glaube du hast alles mögliche getan, um ihn zu Hause zu behalten. Für die Zukunft wünsche ich deinem Vater und Dir viele schöne gemeinsame (wache) Stunden. Ganz liebe Grüße zur dir.
    Papatya

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  5. Hallo Brigitte,
    ich weiß noch von meinem Opa, wie schwer die Entscheidung damals war. Es ist toll, dass Du einen Platz gefunden hast, der Dir gefällt und wo Du ihn guten Gewissens lassen kannst. Und wenn er sich wohlfühlt, dann ist das einfach nur gut. Ich wünsch' Euch alles Gute
    LG
    Manu

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  6. Liebe Brigitte,
    auf Neuigkeiten von euch habe ich sehr gewartet.
    Nun ist alles anders gekommen, als du ursprünglich dachtest/ wolltest, aber es klingt, als wäre es in der schlechten Situation doch zu einer akzeptablen Lösung gekommen.
    Gut, wie sich alles gefügt hat - und erleichternd, dass meine schwarzen Befürchtungen so nicht eingetroffen sind.
    Alles Gute für den Herbst und ganz herzliche
    Claudiagrüße

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