Donnerstag, 9. März 2017

Blickpunkt

Ich bin ein "Augenmensch", schon immer und obwohl ich beruflich eher mit dem Hören als mit dem Sehen zu tun habe. Ja, ich höre und mache gern Musik, und ich singe für mein Leben gern im Chor und auch zuhause beim Bügeln, aber so richtig und zutiefst glücklich bin ich, wenn es Schönes, Interessantes, Berührendes zu sehen gibt. In Kunstausstellungen oder unterwegs mit der Kamera kann ich die Zeit vergessen, und auch sonst sind meine Augen immer auf der Suche nach "Bildern". Sie genießen es, Umrisse nachzuzeichnen und Oberflächen abzutasten, Räume und Perspektiven zu erforschen und in Farben zu schwelgen. Ich bin froh, dass ich trotz Kurzsichtigkeit und allmählich nachlassender Lichtstärke der Augen (fast) alles gut sehen kann - Gleitsichtbrille sei Dank. Und ich hoffe sehr, dass mir eine Makuladegeneration, wie sie meine Mutter hatte, oder ähnliches erspart bleibt. Möglichst lange jedenfalls...



Am Samstag vor einer Woche nahm ich in der Apotheke ein "Senior"-Heft mit und las darin etwas über verschiedene Sehstörungen wie Netzhautablösung oder Hornhautentzündung und die jeweiligen Symptome. Und dass man sofort zum Arzt gehen solle, wenn plötzlich Flecken oder Blitze im Gesichtsfeld auftauchen.
Am Sonntag gabs nach dem Gottesdienst noch einen "Kirchenkaffee", und als ich so behaglich an meiner Kaffeetasse nippte, schwammen da auf einmal schwarze Fussel in der braunen Flüssigkeit. Als ich die Tasse mit etwas Abstand inspizierte, waren die Fussel weg - nein, sie schwebten jetzt an der weißen Wand! Und sie bewegten sich beim Hin-und Herschauen mit, ohne dass ich aber etwas spürte. Im Spiegel war nichts im Auge zu erkennen. Aber auf dem Heimweg begleitete mich ein Mückenschwarm am Himmel über den Feldern (na ja, so ähnlich...):


Es störte mich sehr und ich konnte unter den Beschreibungen im Heft nichts finden, was genau so aussah.
Die Augenärztin, die ich am nächsten Tag aufsuchte, wusste allerdings recht schnell Bescheid: Das sei eine Glaskörpertrübung im rechten Auge. "Eine Alterserscheinung, völlig harmlos, das haben viele. Die Sehkraft wird dadurch nicht beeinträchtigt." Ich war, nun ja, beruhigt, aber doch nicht ganz: "Und... geht das wieder weg?" Die Ärztin lächelte milde: "Nein, weg geht das nicht mehr - aber man gewöhnt sich dran!"
Während ich draußen auf meine Mann wartete, der mich abholen sollte, fühlte ich mich doch etwas niedergeschlagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mich je an diese bei jeder kleinen Augenbewegung hin- und herschießenden Punkte und Schlieren gewöhnen würde. Ständig versuchten meine Augen unwillkürlich, auf die "Fremdkörper" zu fokussieren. Würde ich jemals wieder mit Genuss eine Landschaft anschauen oder ein Bild betrachten können? Das war ja wie eine Art optischer Tinnitus! Aber nein, dachte ich kleinlaut, ständiges Klingeln oder Pfeifen im Ohr - das wäre ganz sicher noch viel übler! Und Blindheit sowieso... was bin ich froh, dass es nichts Schlimmeres ist! Alterserscheinung, so so - auf die eine oder andere wird man sich wohl gefasst machen müssen...                    


Anderthalb Wochen sind seither vergangen. Ich habe mich tatsächlich ganz gut "dran gewöhnt", bemerke es manchmal schon gar nicht mehr bewusst. Inzwischen sind es nicht mehr so viele Striche und Schlieren, aber ein deutlicher schwarzer "Blickpunkt" mit ein bisschen "drumrum" ist geblieben. Am meisten stört er mich beim Lesen, wenn er ständig hin und her über die weißen Seiten flitzt. Andererseits habe ich gelernt, bewusster hinzuschauen und das, was ich sehe, irgendwie intensiver wahrzunehmen, so dass der schwarze Punkt nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. (Ich nehme an, dass man auf ähnliche Weise - durch ganz bewusstes Hören - auch üben kann, ein Tinnitusgeräusch an den Rand der Wahrnehmung zu schieben). Ich stelle fest, dass mein kleiner "Blickpunkt" mich immer wieder daran erinnert, meine Umgebung achtsamer wahrzunehmen und mich am Sehenkönnen zu freuen. Weil der Fleck bei schnellen Augenbewegungen viel mehr "ins Auge fällt" als bei langsamen, erinnert er mich auch daran, weniger Hektik und  mehr Ruhe in meine Bewegungen zu bringen. Das tut mir gut.  
Aus diesem Blickwinkel hat der "Defekt" geradezu etwas Hilfreiches - und ich staune mal wieder, was sich das Leben so alles einfallen lässt... und wie wichtig es ist, sich alle Dinge, wo möglich, zum Besten dienen zu lassen.


Trotz des trüben Wetters (hier jedenfalls) wünsche ich euch ungetrübte Stunden und  Tage - Let the sun shine in!  :-)

Kommentare:

  1. Ich kenne das leider auch, besonders ist es mir im Winter bei Schnee aufgefallen oder dann, wenn ich auf große, weiße Wände etc. schaue.
    Genauso, wie man sich anfangs darauf konzentriert, kann man sich aber auch im "Übersehen" üben. Gelegentlich kommt der Mückenschwarm (Mouches volantes, so tatsächlich die korrekte medizinische Bezeichnung)in mein Bewusstsein, aber meist nehme ich ihn nicht mehr war. Alles Gute! Lilli

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    1. Liebe Lilli, genau das finde ich so interessant - dass man etwas "Negatives" (den Versuch, Störendes zu übersehen oder auszublenden) in etwas Positives ummünzen kann: die Dinge um sich herum intensiver und bewusster zu betrachten und für so etwas scheinbar Selbstverständliches wie das Sehen wieder dankbar zu sein.
      Danke für deine Zeilen!
      Brigitte

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  2. Uff... liebe Brigitte, beunruhigt habe ich deine Zeilen gelesen. Ja, auch in meinem "zarten" Alter gibt es bereits Dinge, mit denen man lernen muß klar zu kommen. Und das geht auch... irgendwie. Schön ist das trotzdem nicht. Ja, über den Tinnitus habe ich über eine gute Freundin viel mitbekommen. Schlimm, aber auch sie hat mit den Jahren gelernt, achtsamer mit sich zu sein und auch mit etwas so Furchtbarem klar zu kommen. Es ist wohl das Beste, was man tun kann, sich mit der Zeit mit unabänderlichen Dingen zu arrangieren. Ich bewundere dich, daß du das trotz aller Beunruhigung so gut annehmen kannst. Ich tröste mich in ähnlichen Fällen immer damit, daß es so viel Schlimmeres gibt, und es mich ja zum Glück nicht ganz so furchtbar schlimm getroffen hat... oder so ähnlich. Ich drücke dich ganz doll und wünsche dir, daß du den derzeit lästigen Fliegenschwarm irgendwann gar nicht mehr wahr nimmst.

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    1. Liebes Pünktchen (haha, jetzt denke ich bei den Blickpünktchen immer an dich!) - ich bin inzwischen nur noch dankbar: 1. tut es nicht weh! 2. hat sich der Mückenschwarm auf eine Fliege plus winzige Babymückchen reduziert, die ich nur auf hellen Flächen wahrnehme, und 3. ist mir die Kostbarkeit des Augenlichts dadurch sehr bewusst geworden, und ich versuche meine Augen besser vor Überanstrengung zu schützen (z.B. langes Bildschirmgucken zu reduzieren - gar nicht so einfach... eigentlich ein gutes Fastenprojekt!).
      Alles Liebe!

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  3. wie wunderbar Du es verstehst, das Blatt zu wenden!
    Wenn durch unsere "Altersdefekte" mehr Ruhe und Achtsamkeit in unser Leben kommt, dann nur zu. Ich mache ähnliche Erfahrungen mit meinem Rücken. Wobei ich die schmerzhaften Defekte nun doch ziemlich lästig finde...
    trotzdem ist alles," was dann so bleiben wird" erstmal auch ein Abschied vom Alten, vom Zustand, wie wir ihn kennen, und daher mit Trauer verbunden.
    Wir müssen uns wandeln, damit wir leben.
    Hab einen schönen Vorfrühlingstag, hier spielen grad kleine Mücken in den spärlichen Sonnenstrahlen. Jetzt werde ich immer an Dich und Deinen "Mückenschwarm" denken, wenn ich ihrem Tanz zuschaue.
    Lieben Lisagruß!

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    1. Liebe Lisa, mir ist sehr bewusst, wie gut ich es habe, dass ich - bis jetzt - von schwerwiegenden oder dauerhaft schmerzhaften Alterserscheinungen verschont geblieben bin. Die Augengeschichte erinnert mich daran, dass ich in einem Alter bin, wo ich etwas dafür tun muss, damit es möglichst so bleibt.
      Aber was du über das "es bleibt so" und die damit verbundene Trauer sagst, das habe ich genauso empfunden. Wie viele Menschen müssen diese Erfahrung schon in jungen Jahren und mit viel schwerwiegenderen Verlusten machen!
      Ich bin einfach nur dankbar.
      Liebe Grüße an dich und deinen Rücken :-)
      Brigitte

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  4. An Altersdefekt war noch nicht zu denken, als ich diese "schwarzen Insekten" erst rechts und später auch im linken Auge entdeckte. "Narben kleiner Verletzungen" meinte mein Augenarzt damals. Wie dem auch sei, man gewöhnt sich wirklich daran. Das Gehirn "blendet" die schwarzen Fleckchen irgendwann "aus" und für einen selbst sieht man dann ohne Unterschied wie vorher.
    In Erscheinung treten sie für mich nur noch selten und wenn, dann bei einfarbig hellen Flächen.

    Lass Dich nicht beirren!!

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    1. Manche "Alterserscheinung" erwischt einen auch schon früher... Ich war gerade Ende dreißig, als mir ein Hautarzt nach der Entfernung und Untersuchung einer verdächtigen Hautveränderung eröffnete: "Bitte erschrecken Sie jetzt nicht (da bin ich natürlich sofort erschrocken): es war eine Alterswarze!"
      Wenn es weiter nichts ist... ;-)
      Liebe Grüße!

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  5. Ich habe diese "Mücken" eigentlich schon immer, und wusste gar nicht, dass das nicht normal ist. Ich dachte immer, das sei so. Mit dem Alter verstärkt es sich, es stört mich auch. Auf weißem Hintergrund wirkt es besonders störend, also beim Lesen. In der Kirche (bei uns blickt man auf eine sehr weiße Wand) nehme ich bei der Predigt oft die Brille ab; wegen der Mücken auf dem weißen Hintergrund.
    Aber wirklich - hilfreich ist, zu wissen, es ist harmlos.
    Herzliceh Grüße
    Ingrid

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    1. Wohl der, die frei sprechen kann...!
      Liebe Grüße!

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  6. Ich kann definitiv bestätigen, dass man sich sehr gut dran gewöhnt- ich hab ungefähr seit ich fünf bin eine kleine Narbe im Blickfeld. Die fällt inzwischen eigentlich nur noch auf, wenn ich sie suche :)
    Abgesehen davon- kennst du Gnietschies? Das sind kleine fliegenartige Wesen, die immer schon weg sind, wenn man hinschauen will (Stammen aus dem Bannsänger von A.D. Foster :) )

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    1. Jetzt musste ich erst mal das Buch googeln, das ist vielleicht nicht so meins. Aber das mit den Gnietschies trifft es gut - da der Fleck etwas rechts vom schärfsten Sehbereich ist, witscht er immer weg, wenn ich unwillkürlich hingucke. Lustig!

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  7. Gut, dass du das schreibst. So muss ich mir keine Sorgen mehr machen, dass so ab und zu mal ein "Fussel" durch mein Gesichtsfeld huscht. Wie gesagt, ist das bei mir nicht immer, nur ab und zu. Werden wir halt älter, besser als gar nicht alt zu werden...
    Viele, liebe Grüße,
    Marion

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    1. Bei dir würde ich ja eher an Filzwoll-Fusseln denken. :-)
      Ja, ich finde auch, alt werden ist angesichts der Alternative ein großes Geschenk, man muss nur lernen, mit den "nicht mehr weggehenden" Sachen zurechtzukommen. So ein paar Mücken oder Fussel sollen uns da nicht schrecken (auch wenn ich hoffe, dass es nicht mehr werden).
      Herzliche Grüße!

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  8. Puh, jetzt muss ich erst mal schlucken. Das Sehen ist mir auch das Wichtigste. Ich kann mir vorstellen, dass so etwas einen sehr beunruhigt, der Gedanke daran, dass es nicht mehr weggeht.
    Mir geht es mit meiner zunehmenden Weitsichtigkeit irgendwie ähnlich, ich kann die allerdings noch immer nicht annehmen...
    Aber du klingst, als habest du dich mit dieser Sache abgefunden und versuchst es anzunehmen und damit zu leben. Das finde ich sehr positiv und ich bewundere dich dafür!
    Ich wünsche dir, dass dich der Mückenschwarm bald gar nicht mehr stört!
    Liebe Grüße,
    Gina

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    1. Es ist tatsächlich nur noch ein etwas kräftigerer Punkt mit einem Schwänzchen dran... es gibt wirklich Schlimmeres (wer wüsste das besser als du?).
      Übrigens: bei den Indianern waren die alten Männer ganz wichtig: sie konnten zwar nicht mehr auf die Jagd gehen, aber sie haben die Büffelherden als erste gesehen... :-)
      Alles Liebe!

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  9. Hallo Brigtitte,
    ei, so was habe ich auch. Und weißt Du was? Als ich das gerade gelesen habe, musste ich richtig genau schauenm ob die überhaupt noch das sind. Ja, sind sie - aber wie Du schon geschrieben hast, man gewöhnt sich wahrscheinlich daran. *g*
    Mein nächstes Thema wird die Gleitsichtbrille sein, denn ich merke immer öfters, dass ich die Brille zur Seite lege wenn ich häkle oder nähe, da sehe ich dann irgendwie mehr. Ach ja, man wird einfach älter.
    LG zu Dir
    Manu

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    1. Ich habe fast vermutet, dass ich mit dieser Alterserscheinung nicht allein bin... :-)
      Übrigens sehe ich trotz Gleitsichtbrille auf kurze Distanz (stricken usw.) immer noch am besten ohne. Die Brille wandert dann dauernd rauf und runter - aber auch daran gewöhnt man sich.

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