Samstag, 7. Juli 2012

Kleine Abschiede

   Gut zwanzig Jahre ist es nun her, dass wir durch die Versetzung meines Mannes hierher aufs Land gezogen sind. Zu Beginn vermisste ich vieles, was ich von meinem vorherigen Stadtleben gewohnt war: Konzerte, Kinos, Ausstellungen, Geschäfte..das ganze vielfältige Angebot, die vielen Möglichkeiten, etwas Interessantes zu erleben oder zu lernen.
   
Dann kamen nacheinander unsere drei Kinder, und ich war voll beschäftigt mit Haushalt, Krabbelgruppe, Kindergarten, Schule, ein wenig beruflicher Arbeit nebenher  und so manchen ehrenamtlichen Aufgaben. Und es ging mir GUT damit! Ich genoss mit den Kindern zusammen den großen Garten, die kurzen Wege raus in die Natur, die Tatsache, dass man sie bald auch ohne Aufsicht losziehen lassen konnte. Ich entdeckte, dass ich es mag, unterwegs beim Einkaufen, auf dem Markt, bei Festlichkeiten usw. immer Bekannte zu treffen, dass alles ein bisschen näher beisammen ist als in der Stadt. Man kennt sich. Und als z.B. der Große in der Grundschul-Theater-AG eine Hauptrolle bekam, war am Tag nach der Aufführung sein Bild in der Zeitung und der junge Schauspieler freute sich (die stolze Mutter sowieso:)). In der Großstadt wäre das undenkbar.
   Irgendwann haben die Kinder einen Hund aufgelesen (diese Geschichte erzähle ich vielleicht ein andermal), und das tägliche Spazierengehen durch die Felder und Wiesen ließ mir die schlichte, unspektakuläre, stille Landschaft unseres Flusstales noch mehr ans Herz wachsen. Ich habe hier ganz neu "sehen" gelernt, diesen ruhigen Rhythmus von Wiesen, Feldern, Bäumen und Hecken, wo der Blick weit schweifen kann, aber doch auch begrenzt wird durch die ansteigenden Halden am Rande des Tales.
   
   Und nun steht ein Umzug an, in eine große Stadt - noch nicht gleich, erst im nächsten Jahr, Ende Mai. Es ist eigentlich noch viel zu früh für Abschiedsgedanken, aber ich merke, dass ich innerlich doch diesen bevorstehenden Abschied von liebgewordenen Menschen, Orten und Ereignissen mit mir herumtrage. In der letzten Zeit fühlte ich  das oft wie eine diffuse Traurigkeit, die gar nicht zu den Ereignissen des Tages zu passen schien. Dann merkte ich, dass ich unbewusst immer Abschiedsgefühle vorwegnahm und darüber nachgrübelte, wie es wohl danach werden würde. Ich wollte aber doch viel lieber dieses letzte Jahr hier genießen und dann zuversichtlich und neugierig am neuen Ort anfangen (der im übrigen gar nicht wirklich neu für mich ist, da es sich um meine Heimatstadt handelt, in der ich allerdings seit 35 Jahren nur noch besuchsweise war)!

   Ich habe also versucht, immer dann, wenn diese Traurigkeit auftauchte, zu überlegen, wovon genau mir eigentlich der Abschied schwerfällt. Und ich fand heraus, dass es nicht einfach nur die Landschaft oder das Haus oder der Garten oder das Städtchen ist, sondern die zwanzig Jahre meines Lebens hier, diese intensive Familienzeit voller neuer Erfahrungen und Erlebnisse,die untrennbar mit diesem Ort verknüpft sind. 
   Alle Eltern müssen ja diesen schrittweisen Abschied von der Zeit mit ihren heranwachsenden Kindern vollziehen - wenn man wie wir zugleich von dem Ort wegzieht, an dem die Erinnerungen verankert sind, ist das ein doppelt spürbarer Einschnitt (für mich jedenfalls ist es so).





So wird dieses Blog-Tagebuch auch der Ort sein, wo ich versuchen kann, meine "kleinen Abschiede" von einem Lebensabschnitt in Bilder und Worte zu fassen und mit-zu-teilen. Und so der kleinen Traurigkeit einen guten Platz und der Vorfreude auf das Neue einen großen Raum in meinem Herzen zu geben.







  
    

    

Kommentare:

  1. Das hört sich traurig an. Ich kann so gut Deine Gefühle mit dem "auf das Land ziehen" nachvollziehen. So erlebte und erlebe ich es auch. Dazu kommt für mich, dass der Geist freier wird, wenn man nicht die viele Ablenkung aus der Stadt hat. Obwohl ich Stadt auch weiterhin mag, ich arbeite zum Glück in einer.
    Das fühlt sich für mich gut an, wenn Du jetzt schon beginnst Dich mit dem Abschied anzufreunden. Ja, in jedem Abschied liegt auch eine Chance für einen ungeahnten Neuanfang.
    Ich bin gerne dabei und lese Dir zur Seite;-)

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    1. Das ist spannend und schön (und ganz neu für mich), Kommentare zu Geschriebenem zu bekommen, danke!
      Ja, ich weiß durchaus auch die Vorteile des Stadtlebens zu schätzen, vor allem wenn man älter wird...es ist auch Vorfreude dabei. Aber erst kommt eben das Loslassen. Es ist gut so.
      Schön, dass du mitliest!

      Brigitte

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  2. So gut kann ich Deine Gedanken nachvollziehen. Obwohl wir ja noch einen guten Weg mit der Kinderzeit vor uns haben. Auch mir ging es ganz ähnlich nach einem Umzug von der geliebten, quirligen Stadt auf's Land. Inzwischen bin ich hier, wo wir leben, gut angekommen und möchte garnicht mehr weg. Mal sehen, wohin das Leben uns in Zukunft treibt...

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