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Freitag, 8. Dezember 2017

acht

 

Beim Anblick der dünnen Eisdecke auf unserem "Weiher" kam mir gestern spontan dieses bekannte alte Kindergedichtlein in den Sinn:


Vom Büblein auf dem Eis
 
Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis.
Das Büblein steht am Weiher und spricht so zu sich leis:
„Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen!"
 Wer weiß?

Das Büblein stampft und hacket mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket, und krach! schon bricht’s hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
als wie ein Krebs und zappelt
mit Schrei'n.

  „O helft, ich muß versinken in lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muß ertrinken im tiefen, tiefen See!“
Wär nicht ein Mann gekommen,
Der sich ein Herz genommen,
 O weh!

Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus:
Vom Fuße bis zum Kopfe wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hat’s geklopfet
                                                     zu Haus.

                                                (Friedrich Güll)
 
Ja, liebe Leute, ich weiß, das Gedicht ist furchtbar altmodisch und moralisierend, mit erhobenem Zeigefinger belehrend und am Ende sogar ziemlich schwarzpädagogisch. Ein Meisterwerk deutscher Dichtkunst ist es auch nicht, wenn auch ganz originell. Ich mag es trotzdem, ebenso wie den guten alten Struwwelpeter und - natürlich auf ungleich gehobenerem Niveau - den unsterblichen "Max und Moritz". Letzteren musste man mir im Vorschulalter nach Auskunft meiner Mutter so oft vorlesen, dass ich ihn schließlich weitgehend auswendig konnte und letztlich wohl damit lesen gelernt habe... und, haha, diese Liebe hat sich wohl vererbt, denn als mein vierjähriger Erstgeborener von seinem kleinen Bruder einmal sehr geärgert worden war, ging er wütend auf ihn los und zitierte Witwe Bolte: "O du Spitz, du Undetüm! Aber wart, ich tomme ihm...!"
Ich habe bei meinen Kindern die Erfahrung gemacht, dass auch sie, Moral hin oder her, solche altmodischen Kindergedichte mögen, wenn man sie recht ausdrucksvoll vorträgt ("Wer weiß...??" - "O weh!!"). Sie mögen alte und neue Gedichte, ernste und lustige, rührende und Quatschgedichte - einfach weil sie Reime und Wortspiele, Rhythmus und Überraschungen lieben. Und vielleicht auch, weil sie merken, wieviel Spaß es Mama oder Papa (oder Oma und Opa) macht, immer mal wieder so ein Wortschätzchen mit ihnen zu teilen und sich gemeinsam daran zu erfreuen. 
Ich denke gerade, ich werde gelegentlich einmal ein paar meiner Lieblings-Kindergedichte hier versammeln, als Anregung für andere Gedichteliebhaber und damit ich sie selber nicht vergesse. 

 

P.S. Eben fiel mir noch ein "Eis-auf-dem-See"-Gedicht ein, eins von Christian Morgenstern, das überhaupt nicht pädagogisch daherkommt, sondern auf kindlicher "Augenhöhe" und wunderbar anschaulich ist und das ich noch viel schöner finde als das oben zitierte (hier: klick).

Sonntag, 5. April 2015

Osterspuren


 Am Ende der Nacht ein Feuer anzünden.
Drumherum stehen und schweigen, hören, erinnern, singen.
Vom Anfang aller Dinge.
Von Gefangenschaft und Befreiung.
Von Dunkel und Licht. 
  Von Verzweiflung, Vertrauen und Verwandlung.
Von Liebe und Hingabe.
Vom Tod und wie er den Kürzeren zog.
Vom neu geschenkten Leben.
  

So auf die Morgendämmerung warten.
Die ersten verschlafenen und dann immer kräftigeren Vogelstimmen hören.
Den Himmel immer heller werden sehen,
da, wo bald die Sonne aufgehen wird.
Ein altes Osterlied in den jungen Morgen hineinsingen.



Und dann: am Osterfeuer Stockbrot backen!
Kleine und Große sind mit Hingabe am Werk.
 Die Brote werden danach in die Kirche hinaufgetragen
und beim Abendmahl ausgeteilt und aufgegessen.
(Manche werden von den Kindern auch gleich angeknabbert,
frühmorgens auf sein und Brot backen macht hungrig).
Auch das Licht vom Osterfeuer wird mitgenommen.


Noch mehr hören, noch mehr singen.
Man möchte gar nicht mehr aufhören damit.
Wenn man jetzt nicht doch auch hungrig wäre.
Und wenn es nicht schon so fein nach Kaffee duften würde...
  Auf zum Osterfrühstück!


Dies ist eines von den neueren Osterliedern
(leider ohne die Melodie von Detlev Jöcker):
 
Wo einer dem andern neu vertraut
und mit ihm eine Brücke baut,
um Hass und Feindschaft zu  überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Wo einer am Ende nicht verzagt
und einen neuen Anfang wagt,
um Leid und Trauer zu überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Wo einer das Unrecht beim Namen nennt
und sich zu seiner Schuld bekennt,
um das Vergessen zu überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Wo einer das Unbequeme wagt
und offen seine Meinung sagt,
um Schein und Lüge zu überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Wo einer gegen die Strömung schwimmt
und fremde Lasten auf sich nimmt,
um Not und Leiden zu überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Wo einer dich aus der Trägheit weckt
und einen Weg mit dir entdeckt,
um hohe Mauern zu überwinden,
da kannst du Osterspuren finden.

Evang. Gesangbuch (Regionalteil Württ.) Nr.551 / Text: Reinhard Bäcker 1986

Einen fröhlichen zweiten Ostertag euch allen!

Dienstag, 6. Januar 2015

...ins Weite... (und eine Einladung)




Die neuen Tage öffnen ihre Türen.
Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen:
Den ersten Schritt. 
Ins Land. Zum Horizont.

(Klaus-Peter Hertzsch - auszugsweise zitiert aus dem Kalender "Der andere Advent")

Eigentlich geschieht das ja nicht nur mit dem Beginn eines neuen Jahres, sondern jeden Monat, jede Woche, täglich: dass neue Tage ihre Türen öffnen, dass wieder ein neuer Tag mit seiner Weite vor uns liegt... ein kleines Wunder jeden Morgen.
Aber an Neujahr und in den Tagen danach ist das Gefühl, in etwas Neues, Frisches, Unbenutztes einzutreten, besonders spürbar. Wie das Aufschlagen eines neuen, noch ungelesenen Buches, das man erst einmal genießerisch befühlt und beschnuppert, mit der Hand über die glatten weißen Seiten streicht und sich auszumalen versucht, was für ein ganz besonderes Stück Leben darin verborgen sein mag.  Wie frischgefallener Schnee, der dazu einlädt, die eigenen Fußstapfen darin zu hinterlassen. Der erste Schritt, zögernd und lauschend... und dann noch viele, viele weitere: Zum fernen Horizont - oder in innere Weiten? Hin zu neuem "Können"? Zu neuen Ufern - oder dem scheinbar Bekannten immer wieder neue Möglichkeiten abgewinnend?
Ich selber werde wohl eher in diesem Sinne neu-gierig sein: im Versuch, die alltäglichen Dinge auf neue Weise zu tun, bewusster, reflektierter, aufmerksamer für das, was sie mir bedeuten und warum ich dies oder jenes tue oder lasse. Und ein paar alte, fallengelassene Lebensfäden möchte ich nach und nach wieder neu aufnehmen: seien es im Laufe der Jahre locker gewordene oder ganz eingeschlafene Verbindungen zu einigen Menschen, mit denen ich einen Abschnitt meines Lebens geteilt habe, seien es Dinge, die ich einmal ausprobiert, aber nicht weiter geübt habe (z.B. manche handwerklichen oder sonstigen kreativen Versuche).

Mal sehen, wie weit ich komme... 



Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen.
Doch gehn wir los.
Doch reiht sich Schritt an Schritt.
Und wir verstehn zuletzt: Das Ziel ist mitgegangen;
denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen,
der Herr der Zeit geht alle Tage mit.

(Klaus-Peter Hertzsch, s.o.)


Und nun kommt zum Schluss noch eine Einladung an alle, die nicht so ohne weiteres "mal weg" können: ich lade euch ein, zwei junge Männer auf einer Reise ins wirklich "Weite" und zu im wörtlichen Sinne "neuen Ufern" ein wenig zu begleiten: Während ich dies hier schreibe, befinden sie sich gerade im Landeanflug auf Los Angeles, von wo sie zu einem großen und wohl auch streckenweise abenteuerlichen (...das Mutterherz hofft: nicht allzu abenteuerlichen...) Trip quer durch die USA aufbrechen wollen. Mein großer Sohn hat sich zusammen mit einem Kommilitonen diese ungewöhnliche Art eines Auslandspraktikums ausgedacht, und nach einer intensiven Vorbereitungsphase sind sie heute um die Mittagszeit gestartet und kommen kurz nach Mitternacht (15 Uhr Ortszeit) hoffentlich wohlbehalten dort an. Was sie in den kommenden drei Monaten alles vorhaben und erleben, darüber berichten sie in einem Blog. Und weil dieses Reisetagebuch in gewisser Weise interaktiv gestaltet ist und auch vom Mitmachen seiner Leser lebt, verlinke ich es hier (auch wenn mich das ein Stück meiner Blog-Anonymität kostet, aber das ist es mir wert). Wer mehr wissen möchte, möge bitte hier hineinschauen: - http://trip-us.jimdo.com - und es je nach Möglichkeit auch interessierten Jugendlichen weitersagen, denen es vielleicht Spaß machen könnte, per Kommentar und Abstimmung die Reiseroute und besondere Aufgaben für die beiden Abenteurer mitzubestimmen.

05. Dezember (Heilbronn)


Es ist Mitternacht - ich geh ins Bett (ganz in der Nähe) und schicke meine Gedanken noch ein bisschen ins Weite - zum Beispiel nach L.A., mittags um drei, 27°C und strahlender Sonnenschein... Gute Reise, ihr beiden!
Und Gute Nacht, all ihr anderen!

Donnerstag, 17. Juli 2014

orthographisch einerlei




Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
Ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Sofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

                                                                    Christian Morgenstern

(Ob man sie nun mit einem oder mit zwei m schreibt, dürfte dieser Möwe im Stralsunder Hafen ziemlich egal sein...)

Montag, 21. April 2014

Nix los hier...??















Hier im Blog - ja, da war wirklich nicht viel los in den letzten Tagen. Eigentlich schon seit längerem nicht... nun ja. Es war eben einfach anderweitig zu viel los, im ungeschriebenen, unfotografierten, unveröffentlichten Leben. Ganz schön viel war da los, mit der Betonung auf "schön": Besuch vom mittleren Sohn samt Freundin, viel Gekoche und Gerede und Gespiele, auch viel Genecke und Gelächter... und manchmal ein bisschen Generve... aber nicht schlimm, nur so, dass man sich wieder an die alten Zeiten erinnert fühlte, als sie alle noch zuhause waren und Ruhe ein eher seltener Zustand war. Es gab Osternacht und Osterfeuer, Osterfrühstück und Osterhasensuchen (auf Nachfrage, ob das denn noch gewünscht werde, hieß es "Aber natürlich! unbedingt!"). Es gab Spaziergänge und Musik und, ja, auch Augenblicke der Stille.


Und ein paar von den schönen, stillen Augenblicken draußen in der österlichen Natur, zur Erinnerung im Bild festgehalten, möchte ich hier mit euch teilen:


Osterspaziergang mit Vater und Hund im warmen Sonnenschein durch den frühlingsgrünen Taschenwald (der heißt wirklich so!)...
 

 ...vorbei an einem Meer von blühenden Aaronstab-Pflanzen, die den Waldboden hier so großflächig bedecken, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe...





 ...zur Annalinde, einem Baum-Naturdenkmal, von der man sich eine schaurige, wenn auch nicht unbedingt ganz historisch exakte Geschichte erzählt.
 













Heute dann eine stille Stunde nur für mich alleine, schauend und schnuppernd durch den leichten Ostermontags-Nieselregen, der eine wunderbar zartgrau-träumerische Stimmung schuf. Ich hätte immer weiter und weiter laufen können, alle Gedanken allmählich hinter mir lassend, in einer Art von zeit- und schwereloser Verzauberung. Fotos können nur eine Ahnung davon vermitteln, aber vielleicht kennt und liebt ihr solche Stimmungen auch?
 





Ich wünsche euch allen eine gesegnete Osterwoche! Mich begleitet das folgende Gedicht der wunderbaren Marie-Luise Kaschnitz, manche werden es kennen:

Manchmal stehen wir auf
Stehen zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana mit Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Zeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie-Luise Kaschnitz 

Montag, 1. April 2013

Rund ums Osterei :-)


Auf ein Ei geschrieben

Weil sich Hahn und Henne lieben
ward gelegt dies Osterei,
welches ich der Liebsten weih'.
Liebesbrief, aufs Ei geschrieben
rundherum und ohne Ende:
so leg ich's in deine Hände!

Eduard Mörike

Dienstag, 5. Februar 2013

Fühle dich wohl bei dir...





Beschütze deinen Traum

Beschütze deinen Traum.
Geh sorgfältig damit um,
er ist erreichbar.
Nimm deine Sehnsucht ernst.
Es ist Gottes Gegenwart in dir.

Sammle gerade dann Kraft,
wenn alles Wachstum erfroren scheint,
und dann, wenn die Zeit richtig ist,
brich wieder hervor
mit deinem kraftvollen Traum.

Färbe deinen Traum bunt,
gib ihm ein Wesen,
male dich in seine Mitte,
wo du hingehörst.

 Fühle dich wohl bei dir,
so wie Gott sich bei dir wohl fühlt.

(Ulrich Schaffer, aus: Augenblicke des Staunens / Herder 2003) 


Dienstag, 1. Januar 2013

Zum neuen Jahr

Mit einem Neujahrsgedicht meines schwäbischen Landsmannes Eduard Mörike wünsche ich euch allen, die ihr mein Blog im ersten halben Jahr besucht und mich durch eure Anmerkungen ermutigt und motiviert habt, Glück und Segen auf all euren Wegen - schöne Erlebnisse, gute Begegnungen und Menschen, die da sind, wenn man sie braucht.

Mörikes hat dieses Gedicht auf eine damals gebräuchliche Melodie geschrieben und nennt es einen "Kirchengesang". Vielleicht wirkt es deshalb am stärksten, wenn man es nicht nur still liest, sondern hörbar spricht:


Zum neuen  Jahr

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In Ihm sei's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Eduard Mörike

Dienstag, 25. Dezember 2012

Besternt


"Da die Weisen den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 
und gingen in das Haus..." (Matth. 2,10)

Weise Stern - Spiele

Da das Kind 
die Weisen sah,
wurde es hocherfreut,
lachte
und gab ihnen 
in ihre leergeschenkten Hände
den Stern - ein Stück Himmel.
 


Da der Stern 
die Weisen ankommen sah,
schweifte er ab,
froh, dass sein Auftrag
so glücklich vollendet war.
Seitdem sucht er
nach neuen Weisen.

Da die Weisen 
das Kind sahen,
gingen sie in das Haus
und hängten dort
den Stern auf.
Jetzt ist es im Haus
immer sternenklar.


Da das Kind
durch die Dachsparren
den Stern sah,
sagte es:
welch ein Haus!
Die Weisen
können kommen.

Da der Stern
das Kind sah,
fing er an zu funkeln
und zu schweifen,
bis auch die Unweisesten
den Weg in das Haus fanden.



Da die Weisen 
das Haus sahen,
das noch unbekannte Ziel,
gingen sie erst hinein,
als sie den Stern darüber erblickten.
So fanden sie ihr Kind.


Da das Kind
das arme Haus sah,
in dem es
zur Welt gekommen war,
hieß es den Stern
darüber stehen.
Seitdem kann man hier wohnen.



Da der Stern
das Haus sah, 
blieb er darüber stehen,
bis die Weisen der Welt sahen,
wo die wahre
Weisheit wohnt.

Da die Weisen
den Stern sahen,
suchten sie
das Kind
und siehe,
das Bettelbaby
wurde ihr Star.


Am Ende war alles
wieder wie zuvor:
leer der Himmel,
dunkel das Haus,
weit die Wege.
Aber in meinem Innern
blieb ich besternt.

(G.R.)
 



Freitag, 7. Dezember 2012

Engel heute

                   
Nicht auf Flügeln der Winde
schweben die Engel daher.
Sie gehen auf irdischen Füßen.
Und manchmal seufzen sie schwer.
Sie tragen gewöhnliche Namen
und Gesichter wie unsereins.
Von göttlichen Herrschaftszeichen
tragen sie sichtbar keins.
Willst einen Engel du sehen,
blick dir zur Seite nur:
Wo Menschen sich liebend verströmen,
triffst du der Engel Spur.
Vielleicht bist du selber einer,
durch den Gott zu den Menschen spricht
und gehst deinen Weg zwischen ihnen
segnend und weißt es nicht.
      
Wilma Klevinghaus
 


(Bilder aus "Sixpack Engel" von Dorothee Herrmann)

Freitag, 19. Oktober 2012

Aus - Zeit

Retraite - Rückzug in die Stille. Ankommen bei mir selber. Allein sein dürfen. Getragen werden von einer Gemeinschaft, die sich nie aufdrängt, aber da ist, wenn ich sie brauche. Erleben, wie die Einfachheit und Schlichtheit des Lebens alle Sinne anspricht und öffnet. Wieder neu hören lernen.
 

Ohr sein

Die ausgetretenen Wortwege 
verlasse ich,
um einzutreten
in den Raum des Schweigens.
Warten will ich,
bis die Stille
das Laute überwächst
und ich ganz Ohr werde
für Deine Gegenwart. 

Antje Sabine Nägeli


Jedes Jahr im Oktober verbringe ich zusammen mit einer Gruppe fünf Tage bei den Schwestern der Communauté du Grandchamp in der Schweiz, abwechselnd im Mutterhaus am Neuchateler See und im Sonnenhof bei Basel. Das ist eine Kommunität von evangelischen Frauen, die nach der Regel von Taizé leben, aber in ihrer ganz eigenen, viel stilleren Ausprägung.


Einen "Nachklang" davon möchte ich gerne mit euch teilen. 




Unsere Gruppe ist immer wieder ein bisschen anders zusammengesetzt, der erste Tag ist deshalb ein Kennenlern- und Wiedersehenstag. Die nächsten drei Tage sind dann Schweigetage, mit einer gemeinsamen Stunde am Vormittag (eine Runde Morgengymnastik, bei der es meist ziemlich munter zugeht, und eine Bibelarbeit als Impuls für den Tag). Am Nachmittag ist Gelegenheit zum Austausch in kleinen Gruppen oder zu Einzelgesprächen mit der begleitenden Schwester. Die Mahlzeiten sind ebenfalls stille Zeit. So ist man eingebettet in eine Gemeinschaft und zugleich auf eine wunderbare Art in Ruhe gelassen.

 
Wenn man einmal ganz frei wird von der Fülle an Worten und Bildern, die täglich von außen auf uns einprasseln, dann wächst die Aufmerksamkeit für die inneren Bilder, die aufsteigen und angeschaut werden wollen.
Wenn man die meiste Zeit schweigt, dann wird das Wenige, was man redet, wesentlicher.


Wenn man schweigend, langsam und aufmerksam isst, dann wird aus dem einfachsten Essen ein Festmahl (und man bekommt, nebenbei, wieder ein Gefühl dafür, wie viel oder wenig einem gut tut).
Wenn man, ohne viel zu denken, seiner Wege geht und in die Stille hineinhorcht, dann wird auch das Sehen und Fühlen und Riechen und Gehen zu einer Art von Hören. Sogar die Füße scheinen in die Erde hineinzulauschen...


Seit acht Jahren bin ich nun dabei, und jedesmal stelle ich fest, dass diese wenigen Tage eine unglaublich intensive Wirkung haben. Sie sind für mich wie ein Katalysator für die langsamen Prozesse des inneren Wachsens. Immer komme ich einen wichtigen Schritt weiter, erlebe, wie das, was ich gerade am Nötigsten brauche (oft ohne dass es mir bewusst ist), einfach auf mich zukommt, mir geschenkt wird. (Das alles gibt es im oft unruhigen Alltag zuhause auch, aber nicht in dieser Dichte - jedoch lerne ich es  allmählich immer besser, auch da ein Stück innere Stille und Gelassenheit zu bewahren und die leise Stimme in mir nicht dauernd zu überhören...).


An den Tieren könnte man sich dabei öfter mal ein Beispiel nehmen - jedenfalls an den Katzen und Kühen :) ...


Den Lärm hinter mir lassen

Atemzug um Atemzug
lasse ich hinter mir
den Lärm der Welt.
Ich lasse mich nieder
im Raum des Schweigens.
Warten will ich
auf Dich, mein Gott. 
Bahne Dir den Weg
durch das Gewirr
der Bilder und Gedanken.
Berühre mich da,
wo ich unruhig und zerrissen bin.
Lass mich ganz umfangen werden
von Deiner Gegenwart.

Antje Sabine Nägeli

 


Sonntag, 12. August 2012

Statt "Sonntagsfreuden"...

...nun, auch ein Gedicht kann eine Sonntagsfreude sein. Ich möchte damit allen, die dies lesen, für heute ein paar ruhige Augenblicke zum Schweigen und Schauen wünschen.


Wenn du verloren gehst

Wenn du verloren gehst
in den Ereignissen deiner Seele,
in den Wirbeln der Welt
und der Wucht ihrer Herausforderung,
dann holt dich da nichts so heraus
wie das Schweigen der Steine und Gräser.

Da, auf den Felsen
wird das Gras schon golden, 
dem Ginster auf der Spur,
und es kann sein,
dass die Flechten in den Steinschatten
dir schon seit Jahrzehnten
Ruhe angeboten haben.

Dann kann es dir
einen Augenblick lang egal sein,
was die Welt macht.
Wichtig ist nur,
dass sich ein Weg für dich abzeichnet,
ein Weg mit Sinn und Bedeutung.

Ulrich Schaffer

(aus U. Schaffer, Augenblicke des Staunens / Herder 2003)


Sonntag, 5. August 2012

Statt "Sonntagsfreuden": Ein Sommergedicht

Urlaub vom Alltag - und eigentlich auch Urlaub vom Blogschreiben. 
Weil ich doch aber gerade erst damit angefangen habe, mag ich nicht schon wieder für drei ganze Wochen damit aufhören. Da wir jedoch an unserem Urlaubsort  weder Computer noch Internet haben (was ja auch ein Segen ist) und ich inzwischen entdeckt habe, dass man Blogeinträge auch vorprogrammieren kann, werden hier anstelle der sonstigen "Sonntagsfreuden" zwei Sonntage lang sommerliche Gedichte stehen - wie ich hoffe, zur Freude der einen oder anderen Leserin.
  Allen, die ab und zu hier hereinschauen, wünsche ich eine sonnendurchglühte, regenerfrischte, morgenkühle, sommerabendlaue Zeit mit viel Raum für das, was gut tut.


Windgeschenke

Die Luft ein Archipel
von Duftinseln.
Schwaden von Lindenblüten
und sonnigem Heu,
süß vertraut,
stehen und warten auf mich
als umhüllten mich Tücher,
von lange her
aus sanftem Zuhaus
von der Mutter gewoben.

Ich bin wie im Traum
und kann den Windgeschenken
kaum glauben.
Wolken von Zärtlichkeit
fangen mich ein, 
und das Glück beißt
seinen kleinen Zahn
in mein Herz. 

Hilde Domin