Ich tue jetzt etwas, was ich noch nie getan habe und wohl auch nicht wieder tun werde: ich stelle einen Brief, den ich geschrieben habe, fast wörtlich in den Blog. Es ist ein Brief an unseren Doc, und er ist nicht anders formuliert als ein ausführlicher Blogpost es wäre.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.
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Freitag, 22.7.2016
Lieber Herr ... (unser geschätzter Hausarzt),
ich
mach's schriftlich, dann können Sie es lesen, wenn Sie gerade Zeit
dazu haben und keine Patienten deswegen warten müssen.
Am
Dienstag war ich bei Ihnen, ziemlich verzweifelt wegen mehrerer
durchwachter Nächte, und Sie haben für meinen Vater den Termin im
Weißenhof gebucht. Außerdem sagten Sie, ich solle doch jetzt einmal
dieses Schlafmittel (Zopiclon) geben und schauen, ob das nicht hilft.
Ich
habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt.
Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war
keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder
aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn
nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das
hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner
Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich
stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn
anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu
meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war
dann wieder längere Zeit ruhig.
Morgens
gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist
praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer
kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich
vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten
Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen
(~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder
etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel
zu wenig getrunken.
Zwischen
21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif
und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte
Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr
zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er
zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und
schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um
sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen,
Toilette, Frühstück. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das
war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus
diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn
äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen
bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon
passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung,
möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich
machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache.
Dazu kam, dass ich am Abend zuvor einen Anruf von
einer Kollegin bekommen hatte wegen einer ganz anderen Sache, nur
zufällig kamen wir auf meinen Vater zu sprechen. Sie hatte ihre
Schwiegermutter betreut, während diese zur med. Einstellung in
Weinsberg gewesen war, und sagte, dass die Station immer sehr voll
belegt und das Personal am Rande der Überforderung gewesen sei. Sie
hat viel mitgeholfen und auch als einzige bemerkt, dass die
Schwiegermutter nach einem Sturz aus dem Bett Schmerzen hatte, die
Pflegerinnen meinten, das gehe bald vorbei. Meine Kollegin
veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der Oberschenkel
gebrochen war.
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im
Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr
hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers
Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet),
obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester
geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen
Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen.
(Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit
Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen
ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet
ist).
Der
langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt
die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige
Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente,
ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden
aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt
reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine
Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut
gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber
Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu
übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater
umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch
besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und
nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch
durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne
durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit
ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater
sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der
Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe,
beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise
Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum
bekommen.
Nun
werde ich sehen, wie es übers Wochenende geht. Falls Sie in der
nächsten Woche ein kleines „Zeitfenster“ offen haben, wäre ich
froh, wenn Sie mal bei uns hereinschauen könnten. Einfach, um den
Allgemeinzustand zu beurteilen (z.B. evtl. Austrocknung und die immer
noch nicht ganz verheilte Kopfwunde, die er sich leider nachts
aufgekratzt hat).
Vielen
Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße,
Ihre Brigitte ...(amselgesang)
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Bei den Pflegeheimen geht nichts unter einem halben Jahr, deshalb die Voranmeldung. Man wird benachrichtigt, wenn ein Zimmer frei wird, und kann dann entscheiden. Für uns ist es eine Absicherung, falls es mit der Pflege hier im Haus zu schwierig wird. Der heutige Tag verlief übrigens ruhig. Ich lerne ständig dazu.