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Sonntag, 22. Januar 2017

Sonntagsfreude



- Den Geburtstag des Eheliebsten am Wochenende feiern...
- Zwei von "unseren" und zwei von "seinen" (aber auch von mir sehr geliebten) 
  Kindern samt Anhang dabeizuhaben...
- Eine wunderbare Wetterkombination aus Eiseskälte, etwas Schnee und 
  strahlend blauem Himmel...
- Ein dick zugefrorener Gartenteich und fröhliche Zwillinge, die außer Rand und
  Band darauf herumtoben...
- Gutes Essen und lange Spieleabende...
- Das warme, gute Gefühl, ein Teil dieses lebendigen, wachsenden, sich in
  steter Veränderung befindlichen und doch so verlässlichen Familien-Netzwerks

  zu sein, für das ich dem Leben so unendlich dankbar bin (ich habe spät  
  geheiratet, es hätte auch ganz anders kommen können): meine 
  Sonntagsfreude für heute!

Habt eine gute Woche (schon wieder die letzte im Januar...)!


Am Sonntag einen Blick auf die vergangene Woche richten: Bild(er), Worte, Gedanken... die ein Lächeln ins Gesicht zaubern, einfach gut tun oder ohne große Erklärung schlicht und einfach eine Sonntagsfreude sind :)

Verlinkt bei  Rita, die jetzt die Sonntagsfreuden sammelt.

Freitag, 22. Juli 2016

Nicht nach Plan

Ich tue jetzt etwas, was ich noch nie getan habe und wohl auch nicht wieder tun werde: ich stelle einen Brief, den ich geschrieben habe, fast wörtlich in den Blog. Es ist ein Brief an unseren Doc, und er ist nicht anders formuliert als ein ausführlicher Blogpost es wäre.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.

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                                                                                                                  Freitag, 22.7.2016

Lieber Herr ... (unser geschätzter Hausarzt),

ich mach's schriftlich, dann können Sie es lesen, wenn Sie gerade Zeit dazu haben und keine Patienten deswegen warten müssen.

Am Dienstag war ich bei Ihnen, ziemlich verzweifelt wegen mehrerer durchwachter Nächte, und Sie haben für meinen Vater den Termin im Weißenhof gebucht. Außerdem sagten Sie, ich solle doch jetzt einmal dieses Schlafmittel (Zopiclon) geben und schauen, ob das nicht hilft.
Ich habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt. Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war dann wieder längere Zeit ruhig. 
Morgens gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen (~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel zu wenig getrunken.
Zwischen 21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen, Toilette, Frühstück
. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung, möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache. 
Dazu kam, dass ich am Abend zuvor einen Anruf von einer Kollegin bekommen hatte wegen einer ganz anderen Sache, nur zufällig kamen wir auf meinen Vater zu sprechen. Sie hatte ihre Schwiegermutter betreut, während diese zur med. Einstellung in Weinsberg gewesen war, und sagte, dass die Station immer sehr voll belegt und das Personal am Rande der Überforderung gewesen sei. Sie hat viel mitgeholfen und auch als einzige bemerkt, dass die Schwiegermutter nach einem Sturz aus dem Bett Schmerzen hatte, die Pflegerinnen meinten, das gehe bald vorbei. Meine Kollegin veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der Oberschenkel gebrochen war. 
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet), obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen. (Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet ist).
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente, ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe, beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum bekommen.

Nun werde ich sehen, wie es übers Wochenende geht. Falls Sie in der nächsten Woche ein kleines „Zeitfenster“ offen haben, wäre ich froh, wenn Sie mal bei uns hereinschauen könnten. Einfach, um den Allgemeinzustand zu beurteilen (z.B. evtl. Austrocknung und die immer noch nicht ganz verheilte Kopfwunde, die er sich leider nachts aufgekratzt hat).

Vielen Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße,
                                                     Ihre Brigitte ...(amselgesang)


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Bei den Pflegeheimen geht nichts unter einem halben Jahr, deshalb die Voranmeldung. Man wird benachrichtigt, wenn ein Zimmer frei wird, und kann dann entscheiden. Für uns ist es eine Absicherung, falls es mit der Pflege hier im Haus zu schwierig wird. Der heutige Tag verlief übrigens ruhig. Ich lerne ständig dazu.

Dienstag, 19. Juli 2016

Wechselbäder


Erst einmal möchte ich allen, die mir per Kommentar oder Mail ihre Anteilnahme gezeigt oder auch still mitgelesen und -gefühlt haben, ganz herzlich danken. Auch das gelegentliche Lesen in euren Blogs hat in den letzten Tagen und Wochen so manches Mal dazu beigetragen, dass die Decke blieb, wo sie hingehört, und mir nicht allzu sehr auf den Kopf gefallen ist. Ohne meinen Mann wäre ich aufgeschmissen, ohne den Sohn würde ich weniger lachen, und ohne euch wäre die Welt um einiges "enger", wenn ihr wisst, was ich meine.
Ihr ermahnt mich, auch an mich selber zu denken. Ich weiß wohl, wie wichtig das ist, und gönne mir (oder: mein Mann gönnt mir) immer wieder kleine Auszeiten, z.B. fürs Freibad: abends mit dem Rad hin, ein halbe Stunde lang immer eine Bahn Brust, eine Rücken - dann spüre ich den Sommer auf der Haut und fühl mich stark. 
Anders als im Freibad waren bis jetzt zu Hause eher Wechselbäder an der Tagesordnung. Einerseits, was das Befinden meines Vaters betrifft - wenn ich es in einer Kurve darstellen sollte, würde es gewissen Börsenkursen ähneln: immer auf und ab, aber leider insgesamt eher nach unten weisend. 
Andererseits auch tägliche Stimmungs - Wechselbäder: ruhige und aufgeregte Phasen, Bitte um Hilfe und heftiger Widerstand gegen "Bevormundung", still-melancholische Zwiegespräche und Anfälle von Misstrauen mit schlimmen Vorwürfen und Beschimpfungen, Wortschwälle und Sprachverwirrung wechseln in völlig unvorhersehbarer Folge. 
Dazwischen Lichtblicke: Kleine, sehr langsame Spaziergänge, Kirschen essen auf der Terrasse, unverhoffte, unbeholfene Zärtlichkeiten: ein Händedruck, ein Knietätscheln. 
Verschlossene Türen wie z.B. die zum Keller (ach, hätte ich sie doch in jener schlimmen Nacht auch abgeschlossen!) lösen großen Ärger aus. Die Wirklichkeit wird immer mehr von Traumbildern und - teils verzerrten - Erinnerungen überlagert. 
Und leider wird die Nacht immer mehr zum Tage. Der Hausarzt ließ uns ein Neuroleptikum ausprobieren, das Wahnvorstellungen und psychotischen Zuständen entgegenwirken soll. Es ist sicher ein bewährtes Mittel, aber was im Beipackzettel als mögliche unerwünschte Wirkung steht, trat prompt ein: es wirkte genau entgegengesetzt, und eine solche Nacht möchte ich nie wieder erleben! 
Ein Beruhigungsmittel tat dagegen seine Wirkung in einer Situation gestern, als ich ihn am Hinauslaufen auf die Straße (ohne Kleider!) hindern musste, was nicht ohne Handgreiflichkeit zu machen war und ziemliche Aggressionen auslöste. Als die Wirkung abends nachließ und wieder große Unruhe auftrat, gab ich ihm noch eine Dosis, was bewirkte, dass er zwar nachts zu schwach und gedämpft war, um übers Bettgitter steigen zu können. Er hat es aber die ganze Nacht lang versucht... Und er war immer noch stark genug, um meine Bemühungen, ihm wieder zu einer Längs- statt Querlage im Bett zu verhelfen, scheitern zu lassen.
Heute morgen war er total übermüdet, konnte aber dennoch nicht einschlafen, weil die motorische Unruhe nicht nachließ. Er lief herum trotz Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen, sodass man immer nebenherlaufen musste. Die Sprache war ein kaum verständliches, wirres Murmeln. Ich war am Ende meiner Kräfte, gab ihm in meiner Verzweiflung eine halbe Schlaftablette, überließ meinem Mann die Bewachung und bat den Hausarzt um ein Gespräch. Er sagte dasselbe, was meine Schwester schon zuvor am Telefon gesagt hatte: zumindest im Moment geht es so nicht mehr weiter. Zu Hause. Sein Rat war, in der gerontopsychiatrischen Abteilung des hiesigen psychiatr. Klinikums stationär eine medikamentöse Einstellung vornehmen zu lassen. Er versicherte mir, dass man tagsüber jederzeit Besuche machen kann, was ganz wichtig für meinen Vater ist, denn diese ungewohnte Umgebung wird ihm, zumindest am Anfang, große Angst einjagen, wie ich aus Erfahrung weiß. 
Am Donnerstag ist es soweit, und wenn ich daran denke, werde ich ganz zittrig. Der Kopf weiß, dass es sein muss, aber das Herz - ihr wisst schon. Das Ganze kann mehrere Wochen dauern.
Heute abend werde ich ihm nun doch ein Schlafmittel geben. Ich nehme an, dass das wirkt, ich hätte es allerdings gerne vermieden, zumal solche Medikamente ohnehin nicht für eine längerfristige Behandlung geeignet sind. Aber ich muss einfach selber mal wieder durchschlafen. Ich hoffe, dass es gutgeht und die Nebenwirkungen nicht zu massiv sind. Es ist nach wie vor ein schlimmes Gefühl für mich, das arme, geschundene Gehirn meines Vaters diesen chemischen Stoffen auszusetzen, die irgendwas mit ihm machen und ihn nicht "er selber" sein lassen. Aber es geht nicht anders, und ich hoffe nur, dass ihm in den nächsten Wochen geholfen werden kann, um wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Ob nun zu Hause oder in einem Heim... ach ja, vielleicht geht auch das nicht anders.  
Vielleicht aber doch.

Stand der Dinge kurz vor Mitternacht: Ich habe ihm die Tablette um 19.15 Uhr gegeben. Bis jetzt ist nicht an Schlaf zu denken. Er bekommt die Augen nicht zu (aber auch nicht richtig auf), ist bis 22 Uhr schwankend und wackelig durch die Wohnung getigert, ließ sich nicht stoppen, liegt jetzt alles andere als entspannt, sondern mit einer "zwanghaften" Bewegungsunruhe im Bett und redet mit schwerer Zunge alles mögliche, wovon das Wenigste zu verstehen ist. Von Zeit zu Zeit antworte ich in beruhigendem Ton etwas halbwegs passend Scheinendes. Ob wohl noch ein paar Mützen Schlaf drin sind heute nacht...??





Freitag, 17. Juni 2016

Enkelpower



Die beiden Enkeltöchter kommen zu Besuch und bringen fertig, was ich in den letzten Tagen nicht geschafft habe und, zumindest momentan, nicht für möglich gehalten hätte: die großväterlichen Lebensgeister soweit zu wecken, dass er Lust auf Mensch-ärgere-dich-nicht bekommt! Und sogar gewinnt!!
Danach war er ziemlich erschöpft, aber ich hoffe doch, dass es ihm gut genug getan hat, um es in Erinnerung zu behalten. Und sollte er es morgen doch vergessen haben (was gut möglich ist), habe ich ja noch dieses Beweisfoto...!  

Sonntag, 27. Dezember 2015

Wärme (nicht nur) für den Hals

Lieber Besuch war heute hier: meine Schwester mit ihrem Mann und den beiden Töchtern, die im gleichen Alter sind wie meine drei Jungs. Zusammen mit meinem Vater (dem einzigen noch lebenden Großelternteil) war also die ganze engere Familie versammelt: ein selten gewordenes Ereignis und auch deshalb ganz besonders herzerwärmend.
Noch herzwärmer wurde das Ganze durch den neuesten Familienzuwachs, einen kleinen, knuffigen Labradorwelpen, der vor kurzem bei meiner Nichte eingezogen ist.


                 High five!    :-)


Als Weihnachtsgeschenk für meine Schwester und die beiden Mädels hatte ich mir etwas Praktisches und Schmückendes mit Erinnerungswert ausgedacht: In meinen Stoffvorräten befinden sich viele ausgediente Kleidungsstücke, darunter auch etliche hübsche Nachthemden meiner Mutter (sie schlief sommers wie winters nur in Nachthemden und hatte eine reichliche Auswahl davon). Aus einigen dieser Stoffe nähte ich nun einfache Schlauchschals mit je einer gemusterten und einer einfarbigen Seite.


Meine Schwester hat sich gefreut, und auch die jungen Damen schlangen sich gerne ein Stück von ihrer geliebten Oma um den Hals - ein Dufthauch von Omas Waschmittel weckte Erinnerungen: Die riechen ein bisschen nach Oma!
 


Kleine Hals- und Herzwärmerchen...

Freitag, 26. Juli 2013

Himmel ... nah ...

Ich habe es nicht gesehen, wie er sich in der Nacht auf den Weg machte. Er war lautlos entwischt. Als es mir gelang, ihn einzuholen, marschierte er mit raschem, entschlossenem Schritt dahin. Er sagte nur:
"Ah, du bist da..."
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich noch:
"Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein..."
Ich schwieg.
"Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer." 
Ich schwieg.
"Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen..."
Ich schwieg.
Er verlor ein bisschen den Mut. Aber er gab sich noch Mühe:
"Weißt du, es wird wunderbar sein. Auch ich werde die Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu trinken geben..."
Ich schwieg.
"Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert Millionen Brunnen haben..."
Und auch er schwieg, weil er weinte...

"Das ist es. Lass mich einen Schritt ganz allein tun."
Und er setzte sich, weil er Angst hatte.
Er sagte noch:
"Du weißt, meine Blume... ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach. Und sie ist so kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen..."
Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte.
Er sagte:
"Hier... Das ist alles..." 
Er zögerte noch ein bisschen, dann erhob er sich. Er tat einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren.
Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Blatt fällt.
Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.

(aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)

Eine Ehefrau, die diesen Text für die Trauerfeier für ihren Mann ausgesucht hat, weil das Buch schon seit der Hochzeit eine Rolle in ihrem gemeinsamen Leben gespielt hat...
Ein Pfarrer, der leise, mit Weisheit und Wärme darüber spricht. Der nicht so tut, als wüsste er, warum Gott solche Dinge zulässt und wozu sie gut sein sollen. Der aber Mut macht, darauf zu vertrauen, dass alles, was geschieht, von einer größeren Wirklichkeit umfangen und gehalten wird, die von Liebe und Verantwortung erfüllt ist. Der nicht verschweigt, dass das Weinen und die Angst uns nicht erspart bleiben. Der aber den Kindern zuspricht, dass der Vater, der bisher so gut für sie gesorgt hat, ihnen nun auf eine andere, neue Weise nahe sein wird...
Kinder, Jugendliche, die ernst und ruhig, ab und zu an ihre Mutter gelehnt oder einen Blick mit ihr wechselnd, zuhören...
Eine Mutter, die völlig authentisch ist in der Auseinandersetzung mit den vielfältigen Gefühlen, die da auftauchen. Die in den Tagen nach dem Unfall mit ihren Kindern weinen und schreien konnte, die aber beim Kaffee nach dem Gottesdienst auch mit spürbarer Freude über ihren Mann und die gemeinsamen Jahre spricht. Die dem Sohn, der sich anfangs stark zurückgezogen hatte, vorschlug, Muffins zu backen und mit seiner Schwester gebrannte Mandeln zu machen, wofür er von den Gästen Lob erntete. Die mit den Freunden und Verwandten redet und lacht und den Kindern ganz klar vermittelt: unser Leben geht trotz und mit aller Trauer und allem Schmerz weiter, und es ist ein gutes Leben! Und die Erinnerung an den Papa ist mittendrin in diesem Leben...

Solche und noch manch andere nachhaltige Eindrücke habe ich aus den letzten Tagen mitgenommen. Und immer wieder darüber nachgedacht, nachgefühlt... wie würde es mir in dieser Situation gehen? Was für Worte würde ich finden? Würde ich Worte finden?  Was wären meine wichtigsten, wesentlichsten Erinnerungen? Würde ich bedauern, etwas nicht gesagt oder getan zu haben? Und andersherum: was möchte ich nicht versäumt haben, wenn es mich treffen sollte? Was möchte ich dann z.B. für meine Kinder aufgeschrieben haben? Von welchen der Gedanken, die man im täglichen Leben meist nicht ausspricht, wäre es mir wichtig, sie weitergegeben zu haben?
Himmel - nah sind wir in jedem Augenblick, ob es uns bewusst ist oder nicht. Ich glaube, das möchte ich meinen Kindern gerne mitgeben, mit oder ohne Worte: dass niemand, mit dem man durch Liebe verbunden ist oder war, einfach verschwindet. Dass himmelweit und himmelnah am Ende keine Gegensätze mehr sind. Und dass Glauben mehr ist als Wissen, Vertrauen befreiender als Sicherheit.

Mittwoch, 14. November 2012

Segen

Ein Bild, ein Text haben mich heute durch den Tag begleitet:

Christus und der schlafende Johannes (14.Jh.)
 
Johannes sagt immer wieder,
es komme darauf an, in der Liebe zu sein.
In der Liebe zu bleiben.

"Wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott in ihm."

So lehnt er auf vielen alten Bildern
den Kopf an die Schulter Jesu,
gibt ihm die Hand, gehört zu ihm,
schläft ein mit einem stillen, friedvollen Gesicht.

Etwas anderes als der Liebende, 
etwas anderes als der Geliebte
will er nicht mehr sein.

Wollen wir aber in Gott sein,
so nützt kein Gedanke.
Kein Höhenflug des Geistes.
Gott ist auf alle Fälle höher,
weiter, tiefer, größer.
Nur die Liebe ist es, die ihn berührt. 
Die Liebe, die dankbare,
des von ihm geliebten Menschen.

Wer das Ganze schaut,
wer mit Gott eins ist in der dankbaren  Gelassenheit,
der, so sagt die Bibel, ist der Segnende.

Segnen heißt Lebenskraft geben, Leben bejahen.
Heißt sagen: Lebe, wie du musst, und sei glücklich.
"Gott gebe dir vom Tau des Himmels
und von der Fettigkeit der Erde."

Segnen ist eine offene Hand, die gibt und nichts nimmt.
Segnen sagt: Ich sehe den Weg, den du gehst,
und bejahe ihn.
Möge dir die Kraft zufließen, 
die du brauchst.

Jörg Zink, aus: Was bleibt, stiften die Liebenden (Kreuz Verlag)(gekürzt)

(In Dankbarkeit für alle, die mir in diesem Sinne zum Segen geworden sind)