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Freitag, 1. Januar 2016
Was wird...?
Ein Streifen Heideland
Ein Stück Mauer
Sträucher und hohes Gras, ein paar Blumen
Kein Weg, aber gangbarer Boden.
Man kann nicht weit sehen.
Wolken türmen sich auf
Über der Mauer ein Stück blauer Himmel
Ein Regenbogen.
Der Weg entsteht im Gehen
Schritt um Schritt.
Ich atme
Ein
Aus
Ich gehe
JETZT.
Dienstag, 6. Januar 2015
...ins Weite... (und eine Einladung)
Die neuen Tage öffnen ihre Türen.
Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen:
Den ersten Schritt.
Ins Land. Zum Horizont.
(Klaus-Peter Hertzsch - auszugsweise zitiert aus dem Kalender "Der andere Advent")
Eigentlich geschieht das ja nicht nur mit dem Beginn eines neuen Jahres, sondern jeden Monat, jede Woche, täglich: dass neue Tage ihre Türen öffnen, dass wieder ein neuer Tag mit seiner Weite vor uns liegt... ein kleines Wunder jeden Morgen.
Aber an Neujahr und in den Tagen danach ist das Gefühl, in etwas Neues, Frisches, Unbenutztes einzutreten, besonders spürbar. Wie das Aufschlagen eines neuen, noch ungelesenen Buches, das man erst einmal genießerisch befühlt und beschnuppert, mit der Hand über die glatten weißen Seiten streicht und sich auszumalen versucht, was für ein ganz besonderes Stück Leben darin verborgen sein mag. Wie frischgefallener Schnee, der dazu einlädt, die eigenen Fußstapfen darin zu hinterlassen. Der erste Schritt, zögernd und lauschend... und dann noch viele, viele weitere: Zum fernen Horizont - oder in innere Weiten? Hin zu neuem "Können"? Zu neuen Ufern - oder dem scheinbar Bekannten immer wieder neue Möglichkeiten abgewinnend?
Ich selber werde wohl eher in diesem Sinne neu-gierig sein: im Versuch, die alltäglichen Dinge auf neue Weise zu tun, bewusster, reflektierter, aufmerksamer für das, was sie mir bedeuten und warum ich dies oder jenes tue oder lasse. Und ein paar alte, fallengelassene Lebensfäden möchte ich nach und nach wieder neu aufnehmen: seien es im Laufe der Jahre locker gewordene oder ganz eingeschlafene Verbindungen zu einigen Menschen, mit denen ich einen Abschnitt meines Lebens geteilt habe, seien es Dinge, die ich einmal ausprobiert, aber nicht weiter geübt habe (z.B. manche handwerklichen oder sonstigen kreativen Versuche).
Mal sehen, wie weit ich komme...
Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen.
Doch gehn wir los.
Doch reiht sich Schritt an Schritt.
Und wir verstehn zuletzt: Das Ziel ist mitgegangen;
denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen,
der Herr der Zeit geht alle Tage mit.
(Klaus-Peter Hertzsch, s.o.)
Und nun kommt zum Schluss noch eine Einladung an alle, die nicht so ohne weiteres "mal weg" können: ich lade euch ein, zwei junge Männer auf einer Reise ins wirklich "Weite" und zu im wörtlichen Sinne "neuen Ufern" ein wenig zu begleiten: Während ich dies hier schreibe, befinden sie sich gerade im Landeanflug auf Los Angeles, von wo sie zu einem großen und wohl auch streckenweise abenteuerlichen (...das Mutterherz hofft: nicht allzu abenteuerlichen...) Trip quer durch die USA aufbrechen wollen. Mein großer Sohn hat sich zusammen mit einem Kommilitonen diese ungewöhnliche Art eines Auslandspraktikums ausgedacht, und nach einer intensiven Vorbereitungsphase sind sie heute um die Mittagszeit gestartet und kommen kurz nach Mitternacht (15 Uhr Ortszeit) hoffentlich wohlbehalten dort an. Was sie in den kommenden drei Monaten alles vorhaben und erleben, darüber berichten sie in einem Blog. Und weil dieses Reisetagebuch in gewisser Weise interaktiv gestaltet ist und auch vom Mitmachen seiner Leser lebt, verlinke ich es hier (auch wenn mich das ein Stück meiner Blog-Anonymität kostet, aber das ist es mir wert). Wer mehr wissen möchte, möge bitte hier hineinschauen: - http://trip-us.jimdo.com - und es je nach Möglichkeit auch interessierten Jugendlichen weitersagen, denen es vielleicht Spaß machen könnte, per Kommentar und Abstimmung die Reiseroute und besondere Aufgaben für die beiden Abenteurer mitzubestimmen.
Es ist Mitternacht - ich geh ins Bett (ganz in der Nähe) und schicke meine Gedanken noch ein bisschen ins Weite - zum Beispiel nach L.A., mittags um drei, 27°C und strahlender Sonnenschein... Gute Reise, ihr beiden!
Und Gute Nacht, all ihr anderen!
Und Gute Nacht, all ihr anderen!
Dienstag, 10. Dezember 2013
Wege zur Mitte
Das große Labyrinth aus der Kathedrale von Chartres war vor ein paar Tagen in meinem Adventskalender abgebildet (diesem hier, von dem ich weiß, dass er einige von euch ebenfalls durch den Advent begleitet).
Schon seit einigen Jahren bin ich von Labyrinthen fasziniert. Während eines Aufenthalts bei den Franziskanerinnen von Reute habe ich mich zum ersten Mal näher damit beschäftigt. Dort gibt es nämlich ein ganz besonderes, ein Duft-Labyrinth. Mit zahllosen Duftpflanzen entlang des Weges, die einen immer wieder zum Innehalten, Hinunterbeugen und Schnuppern einladen.
Nachdem ich das Thema einmal entdeckt hatte, hat es mich immer wieder eingeholt, angesprochen und begleitet. Das uralte Symbol des Labyrinthes hat vielschichtige Bedeutung und kann auf mannigfaltige Weise "gelesen" werden. Mir wird es immer wieder zu einem Bild meines eigenen Lebensweges und der Suche nach dem Wesentlichen, nach der "Mitte" meines Daseins, von der ich mich oft so weit entfernt fühle und von der ich weiß, dass sie doch immer da ist, wenn auch verborgen, und dass ich sie bewusst oder unbewusst immer umkreise.
Schon einige Male habe ich es erlebt, dass ich aus einer scheinbar ausweglosen (inneren oder äußeren) Situation auf einmal herausfand - als sei ich nur eben um eine Wegbiegung herumgegangen und sähe nun das Ziel ganz nahe vor mir. Ich spürte, dass ich auf dem Weg zu mir selbst (der ja auch immer ein Weg zu den Anderen ist) ein großes Stück weitergekommen war. Nach einiger Zeit aber ließ dieses Hochgefühl wieder nach, und ich zweifelte an mir selber: War ich nun nicht wieder am selben Punkt, den ich doch endlich hinter mir gelassen zu haben glaubte? Kam ich denn überhaupt vorwärts? Oder hatte ich mir das nur eingebildet?
Das Labyrinth sagt mir: Du bist nicht mehr da, wo du warst. Du bist wirklich weitergekommen auf deinem Weg. Aber der Weg führt dich nicht in einer geraden Linie aufs Ziel zu. Er umkreist es, und so wirst du immer wieder einmal das Gefühl haben, weiter von der Mitte entfernt zu sein als zuvor. Vertrau dem Weg. Er wird dich ans Ziel führen, auch wenn du ihn nicht klar und überschaubar vor dir siehst. Wichtig ist, dass du weitergehst, Schritt um Schritt. Und dass du nicht vergisst, wo du hin willst.
Dazu noch ein Text von Gernot Candolini, der einige schöne Bücher zum Thema "Labyrinthe" geschrieben hat:
Nachdem ich das Thema einmal entdeckt hatte, hat es mich immer wieder eingeholt, angesprochen und begleitet. Das uralte Symbol des Labyrinthes hat vielschichtige Bedeutung und kann auf mannigfaltige Weise "gelesen" werden. Mir wird es immer wieder zu einem Bild meines eigenen Lebensweges und der Suche nach dem Wesentlichen, nach der "Mitte" meines Daseins, von der ich mich oft so weit entfernt fühle und von der ich weiß, dass sie doch immer da ist, wenn auch verborgen, und dass ich sie bewusst oder unbewusst immer umkreise.
Schon einige Male habe ich es erlebt, dass ich aus einer scheinbar ausweglosen (inneren oder äußeren) Situation auf einmal herausfand - als sei ich nur eben um eine Wegbiegung herumgegangen und sähe nun das Ziel ganz nahe vor mir. Ich spürte, dass ich auf dem Weg zu mir selbst (der ja auch immer ein Weg zu den Anderen ist) ein großes Stück weitergekommen war. Nach einiger Zeit aber ließ dieses Hochgefühl wieder nach, und ich zweifelte an mir selber: War ich nun nicht wieder am selben Punkt, den ich doch endlich hinter mir gelassen zu haben glaubte? Kam ich denn überhaupt vorwärts? Oder hatte ich mir das nur eingebildet?
Das Labyrinth sagt mir: Du bist nicht mehr da, wo du warst. Du bist wirklich weitergekommen auf deinem Weg. Aber der Weg führt dich nicht in einer geraden Linie aufs Ziel zu. Er umkreist es, und so wirst du immer wieder einmal das Gefühl haben, weiter von der Mitte entfernt zu sein als zuvor. Vertrau dem Weg. Er wird dich ans Ziel führen, auch wenn du ihn nicht klar und überschaubar vor dir siehst. Wichtig ist, dass du weitergehst, Schritt um Schritt. Und dass du nicht vergisst, wo du hin willst.
Dazu noch ein Text von Gernot Candolini, der einige schöne Bücher zum Thema "Labyrinthe" geschrieben hat:
Das Labyrinth
ist ein Rätsel.
Ein Spiegel
der Seele,
ein Gleichnis
des Lebens.
Wer ein
Labyrinth begeht,
macht sich
auf einen Weg der Wandlung.
Ich bin an
den Rand geraten.
Ich habe mich
einen langen Weg gemüht
und bin
weiter weg vom Ziel, als je zuvor.
War der
Lockruf zur Mitte eine Täuschung?
Gott möchte
uns das ganze Universum zeigen,
deswegen gibt
es keinen geraden Weg zur Mitte.
Einen Weg
gemeinsam zu gehen gibt Kraft.
So ist eine
Durststrecke leichter auszuhalten
und die
Schritte werden sicherer.
Dennoch muß
jeder seinen Weg alleine gehen,
mal mit
Begleitung,
mal gegen den
Strom,
mal in
ehrlicher Gemeinschaft
mal vater- und
mutterseelenallein.
Irgendwann
stehen wir alle
im äußersten
Ring des Labyrinths
und
verfluchen das Leben
in das wir
geraten sind.
Auch wenn der
äußerste Ring der längste ist
wendet sich
der Weg doch wieder nach innen.
Das Labyrinth
spricht die Urbotschaft des Geistes aus:
Komm zur
Mitte und lass dich verändern.
Christus ist
der Freund der Wanderer
in allen
Lebenslagen.
Er bleibt
solidarisch,
in Leid und
Freude,
in Nähe und
Ferne.
Er ist Anfang
und Ende jeden Weges.
Er ist ein
unablässig Wartender,
in der Mitte
des Labyrinths.
Anzukommen
ist der Lohn aller, die aufgebrochen sind.
Auch wenn das
einzelne noch so verwirrend ist,
auch wenn der
Weg von noch so vielen Umwegen gekennzeichnet ist,
auch wenn das
Herz sich abschnittsweise noch so verloren fühlt:
Im ganzen
Überblick ist
die
Vollkommenheit und Schönheit des Weges jedoch erstaunlich.
Mittwoch, 28. August 2013
Verflixt...!
Wenn... zwei große Jungs eine dreitägige Bergwanderung planen, alles schönstens vorbereiten - Hüttenübernachtungen buchen, Route ausdrucken, Rucksäcke packen...,
wenn... am Abreisetag dann regnerisches Wetter für die nächsten zwei Tage vorhergesagt wird und der Himmel sich grau in grau präsentiert...,
wenn... am Abreisetag dann regnerisches Wetter für die nächsten zwei Tage vorhergesagt wird und der Himmel sich grau in grau präsentiert...,
wenn... die Wanderlustigen auf die vorsichtige Frage der Mutter, ob sie vielleicht nicht doch lieber...? antworten, dass ihnen so ein bisschen Regen gar nichts ausmacht mit Anorak, Wanderstiefeln und Regenhosen...,
wenn... die besorgte, aber auch auf ihre wetterfesten Buben stolze Mutter dem abfahrenden Auto hinterhergewinkt, eine Tasse Kaffee getrunken, ein Weilchen geschafft hat und sich dann ins Bubenzimmer begibt, um auch dort zu lüften und staubzusaugen, und...
...wenn das erste, was sie da entdeckt, die Wanderstiefel des Ältesten sind, die seelenruhig am Bett stehen und unbegreiflicherweise nichts unternommen haben, um mitgenommen zu werden...,
dann... ist sie erst mal fix und fertig! Schimpft laut auf den zerstreuten Professor, der im Geiste wohl schon über den Wolken schwebte. Schimpft noch etwas lauter auf sich selber, dass sie am Morgen (verpennt wie immer um diese Zeit) nicht gleich hingeschaut hat, wo sie doch im Zimmer war, als der Bub sein Zeugs ins Auto geschafft hat. Rast zum Telefon und ruft aufs Handy an: Hast du eigentlich schon gemerkt...? ...nein, hat er nicht! Und jetzt? Lauf ich halt mit den Schlappen, die ich anhab. Geht schon!
Die Mutter betrachtet noch einmal traurig und vorwurfsvoll die verflixten Stiefel und findet sich mit dem Lauf der Dinge ab. Denkt an regennasse Wanderwege, rutschige Felsen, nasse Füße und die Temperaturen in zweitausend Meter Höhe... und gibt ihren beiden in Gedanken einen Engel mit. (Den sie vielleicht selber am meisten braucht...?)
---------------
Am Abend wartet sie sehr darauf, dass die beiden sich mal melden. Vergeblich. Mit ihren Anrufversuchen erreicht sie immer nur die Mailbox - also haben sie wohl keinen Empfang da oben. Blöd. Blöd!! Und blöd, dass sie jetzt dauernd Bilder im Kopf hat von verstauchten Knöcheln und in der Nacht herumirrenden frierenden Kindern, ohne Handynetz und ohne Wollpullover... sie hat derartige übertriebene Sorgenbilder ganz gut unter Kontrolle, aber sie sind da. Zumal es jetzt draußen zappenduster geworden ist.
Anruf des Vaters, der sich zur Zeit woanders aufhält: Haben sie sich schon gemeldet? Nein? Da kann man nichts machen, muss man eben bis morgen warten. (Sie weiß, er macht sich auch Sorgen).
Und dann der Geistesblitz: Das Internet! Die Hütte! Wozu hat man denn Google? Mann... da hätte ich auch früher draufkommen können. Schnell die Nummer rausgesucht, angerufen - belegt. Und nochmal - belegt. Ein längeres Gespräch... aber dann komme ich durch. Und höre den Hüttenwirt brummen: Ja ja, dia zwoa san do! Mir ham halt koan Handyempfang da obn...
Wenn... er jetzt neben mir stünde -
dann... würde ich ihn glatt umarmen!
Aber echt!!!
(Bild von einer früheren Tour)
Freitag, 26. Juli 2013
Himmel ... nah ...
Ich habe es nicht gesehen, wie er
sich in der Nacht auf den Weg machte. Er war lautlos entwischt. Als es
mir gelang, ihn einzuholen, marschierte er mit raschem, entschlossenem
Schritt dahin. Er sagte nur:
"Ah, du bist da..."
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich noch:
"Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein..."
Ich schwieg.
"Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer."
Ich schwieg.
"Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen..."
Ich schwieg.
Er verlor ein bisschen den Mut. Aber er gab sich noch Mühe:
"Weißt du, es wird wunderbar sein. Auch ich werde die Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu trinken geben..."
Ich schwieg.
"Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert Millionen Brunnen haben..."
Und auch er schwieg, weil er weinte...
"Das ist es. Lass mich einen Schritt ganz allein tun."
Und er setzte sich, weil er Angst hatte.
Er sagte noch:
"Du weißt, meine Blume... ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach. Und sie ist so kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen..."
Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte.
Er sagte:
"Hier... Das ist alles..."
Er zögerte noch ein bisschen, dann erhob er sich. Er tat einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren.
Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Blatt fällt.
Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.
(aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)
"Ah, du bist da..."
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich noch:
"Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein..."
Ich schwieg.
"Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer."
Ich schwieg.
"Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen..."
Ich schwieg.
Er verlor ein bisschen den Mut. Aber er gab sich noch Mühe:
"Weißt du, es wird wunderbar sein. Auch ich werde die Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu trinken geben..."
Ich schwieg.
"Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert Millionen Brunnen haben..."
Und auch er schwieg, weil er weinte...
"Das ist es. Lass mich einen Schritt ganz allein tun."
Und er setzte sich, weil er Angst hatte.
Er sagte noch:
"Du weißt, meine Blume... ich bin für sie verantwortlich! Und sie ist so schwach. Und sie ist so kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen..."
Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte.
Er sagte:
"Hier... Das ist alles..."
Er zögerte noch ein bisschen, dann erhob er sich. Er tat einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren.
Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Blatt fällt.
Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.
(aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz)
Eine Ehefrau, die diesen Text für die Trauerfeier für ihren Mann ausgesucht hat, weil das Buch schon seit der Hochzeit eine Rolle in ihrem gemeinsamen Leben gespielt hat...
Ein Pfarrer, der leise, mit Weisheit und Wärme darüber spricht. Der nicht so tut, als wüsste er, warum Gott solche Dinge zulässt und wozu sie gut sein sollen. Der aber Mut macht, darauf zu vertrauen, dass alles, was geschieht, von einer größeren Wirklichkeit umfangen und gehalten wird, die von Liebe und Verantwortung erfüllt ist. Der nicht verschweigt, dass das Weinen und die Angst uns nicht erspart bleiben. Der aber den Kindern zuspricht, dass der Vater, der bisher so gut für sie gesorgt hat, ihnen nun auf eine andere, neue Weise nahe sein wird...
Kinder, Jugendliche, die ernst und ruhig, ab und zu an ihre Mutter gelehnt oder einen Blick mit ihr wechselnd, zuhören...
Eine Mutter, die völlig authentisch ist in der Auseinandersetzung mit den vielfältigen Gefühlen, die da auftauchen. Die in den Tagen nach dem Unfall mit ihren Kindern weinen und schreien konnte, die aber beim Kaffee nach dem Gottesdienst auch mit spürbarer Freude über ihren Mann und die gemeinsamen Jahre spricht. Die dem Sohn, der sich anfangs stark zurückgezogen hatte, vorschlug, Muffins zu backen und mit seiner Schwester gebrannte Mandeln zu machen, wofür er von den Gästen Lob erntete. Die mit den Freunden und Verwandten redet und lacht und den Kindern ganz klar vermittelt: unser Leben geht trotz und mit aller Trauer und allem Schmerz weiter, und es ist ein gutes Leben! Und die Erinnerung an den Papa ist mittendrin in diesem Leben...
Solche und noch manch andere nachhaltige Eindrücke habe ich aus den letzten Tagen mitgenommen. Und immer wieder darüber nachgedacht, nachgefühlt... wie würde es mir in dieser Situation gehen? Was für Worte würde ich finden? Würde ich Worte finden? Was wären meine wichtigsten, wesentlichsten Erinnerungen? Würde ich bedauern, etwas nicht gesagt oder getan zu haben? Und andersherum: was möchte ich nicht versäumt haben, wenn es mich treffen sollte? Was möchte ich dann z.B. für meine Kinder aufgeschrieben haben? Von welchen der Gedanken, die man im täglichen Leben meist nicht ausspricht, wäre es mir wichtig, sie weitergegeben zu haben?
Himmel - nah sind wir in jedem Augenblick, ob es uns bewusst ist oder nicht. Ich glaube, das möchte ich meinen Kindern gerne mitgeben, mit oder ohne Worte: dass niemand, mit dem man durch Liebe verbunden ist oder war, einfach verschwindet. Dass himmelweit und himmelnah am Ende keine Gegensätze mehr sind. Und dass Glauben mehr ist als Wissen, Vertrauen befreiender als Sicherheit.
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