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Sonntag, 25. September 2016

Wie es weitergeht

Lange habe ich gewartet und gezögert mit dem Schreiben, wollte erst sehen, wie sich alles anlässt und ob es am Ende etwas Positives zu berichten gäbe. War so unsicher, ob es richtig ist, was ich tue - und so froh, eine Schwester zu haben, die mitdenkt und mitentscheidet und mit der ich mich einfach unglaublich gut verstehe.

Aber der Reihe nach. 

Zwei Wochen nach diesem Eintrag war klar, dass es mit meinem Vater doch nicht so weitergehen konnte. Ich war ständig mit heftig wechselnden Stimmungen und immer wieder mit - oft erschreckenden - Halluzinationen konfrontiert und konnte kaum etwas tun, um ihn da rauszuholen (außer einmal, als er überall Flammen sah und sehr aufgeregt war: da war er zum Glück gerade gut zu Fuß und wir setzten uns ins Auto und fuhren eine Weile durch die Gegend...). Es war psychisch und physisch ein dauerndes Auf und Ab. Ich sah ein, dass es ohne ein geeignetes Medikament nicht besser werden würde, und das konnte nur in der Klinik ausprobiert werden.
Also kam mein Vater nun doch in die Gerontopsychiatrie im Weißenhof-Klinikum. Ich mache es kurz: diese Station war das Beste, was uns in diesem Stadium passieren konnte. Hell und so wohnlich, wie es eben unter diesen Umständen möglich ist, mit freundlichem, hilfsbereitem Pflegepersonal, das sich Mühe gab, auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen, und mit sehr gutem Essen (wichtig!!). Ich war jeden Tag einige Stunden dort und hätte nie gedacht, dass ich mich an einem solchen Ort so wohlfühlen würde - auch wenn die Sorge um meinen Vater groß war, aber er war hier am momentan richtigen Platz. Ich habe viel gelernt in diesen drei Wochen, worüber ich später mal noch mehr schreiben möchte. Und einige der Patienten sind mir mit ihrem auf je ganz eigene Weise sonderbaren Wesen ein bisschen ans Herz gewachsen...
Nach einer Woche wurde ich zum Arztgespräch gebeten und erfuhr, dass mein Vater nicht Alzheimer hat, sondern eine Lewy-Körperchen-Demenz. Diese Demenzform hat dieselben Ursachen wie Parkinson und es können auch ähnliche Symptome auftreten (die Verlangsamung der Bewegungen, die schwer beweglichen Finger waren ja schon zu sehen). Im übrigen hat er die typischen Symptome, und auch die Tatsache, dass er die bei Alzheimer üblichen Medikamente nicht verträgt, gehört zum Krankheitsbild. Ein einziges Medikament wirkt ganz gut (Quetiapin), indem es die Heftigkeit der Halluzinationen etwas mildert. Aber leider gibt es keine Möglichkeit, etwas gegen die nächtliche Unruhe zu tun. In der Klinik wurde mein Vater nachts fixiert (mit einem sog. "Kombifix", der Hände und Füße freilässt). Der Arzt sagte, ich solle es mir gut überlegen, ob ich es unter diesen Umständen wirklich mit häuslicher Pflege versuchen wolle - er kenne keinen solchen Fall bei dieser Diagnose.
Meine Schwester und ich haben alle Möglichkeiten durchgesprochen. Der springende Punkt war letztlich die Tatsache, dass es wegen der Nächte nicht gehen würde. Auch mit Fixierung (was ich sehr ungern getan hätte) muss man regelmäßig nach dem Patienten schauen. Und ohne hätte ich weiterhin neben ihm schlafen und ebenfalls mehrmals pro Nacht aufstehen müssen.
Es grenzt an ein Wunder, dass wir in dieser Situation ganz kurzfristig nicht nur einen Pflegeplatz bekamen, sondern dass dieser auch in einem der drei Häuser ist, auf die ich für diesen Fall gehofft hatte. Mein Vater ist dort auf einer geschlossenen Station, es geht ihm - nun ja, gut wäre nicht das richtige Wort, aber besser als wir zu hoffen gewagt hätten. Er wird nicht fixiert, worüber er froh ist. Die Sturzgefahr ist natürlich da, aber es gibt dort keine Treppen und Stolperfallen wie zu Hause, weglaufen geht auch nicht, und die Nachtwache schaut oft herein. Mit dem Eingewöhnen wird es noch dauern, aber wir haben jetzt einen Rollstuhl bekommen, so dass wir raus in den Park gehen können und demnächst auch mal hierher nach Hause (ob er es wiedererkennt? ich bin gespannt). Als ich mich heute abend verabschiedete: Ade, Papa, ich gehe jetzt heim! fragte er: Heim... wohin?
Heimgehen dürfen - das wünschen sie sich, glaube ich, alle.  
 

Freitag, 22. Juli 2016

Nicht nach Plan

Ich tue jetzt etwas, was ich noch nie getan habe und wohl auch nicht wieder tun werde: ich stelle einen Brief, den ich geschrieben habe, fast wörtlich in den Blog. Es ist ein Brief an unseren Doc, und er ist nicht anders formuliert als ein ausführlicher Blogpost es wäre.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.

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                                                                                                                  Freitag, 22.7.2016

Lieber Herr ... (unser geschätzter Hausarzt),

ich mach's schriftlich, dann können Sie es lesen, wenn Sie gerade Zeit dazu haben und keine Patienten deswegen warten müssen.

Am Dienstag war ich bei Ihnen, ziemlich verzweifelt wegen mehrerer durchwachter Nächte, und Sie haben für meinen Vater den Termin im Weißenhof gebucht. Außerdem sagten Sie, ich solle doch jetzt einmal dieses Schlafmittel (Zopiclon) geben und schauen, ob das nicht hilft.
Ich habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt. Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war dann wieder längere Zeit ruhig. 
Morgens gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen (~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel zu wenig getrunken.
Zwischen 21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen, Toilette, Frühstück
. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung, möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache. 
Dazu kam, dass ich am Abend zuvor einen Anruf von einer Kollegin bekommen hatte wegen einer ganz anderen Sache, nur zufällig kamen wir auf meinen Vater zu sprechen. Sie hatte ihre Schwiegermutter betreut, während diese zur med. Einstellung in Weinsberg gewesen war, und sagte, dass die Station immer sehr voll belegt und das Personal am Rande der Überforderung gewesen sei. Sie hat viel mitgeholfen und auch als einzige bemerkt, dass die Schwiegermutter nach einem Sturz aus dem Bett Schmerzen hatte, die Pflegerinnen meinten, das gehe bald vorbei. Meine Kollegin veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der Oberschenkel gebrochen war. 
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet), obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen. (Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet ist).
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente, ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe, beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum bekommen.

Nun werde ich sehen, wie es übers Wochenende geht. Falls Sie in der nächsten Woche ein kleines „Zeitfenster“ offen haben, wäre ich froh, wenn Sie mal bei uns hereinschauen könnten. Einfach, um den Allgemeinzustand zu beurteilen (z.B. evtl. Austrocknung und die immer noch nicht ganz verheilte Kopfwunde, die er sich leider nachts aufgekratzt hat).

Vielen Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße,
                                                     Ihre Brigitte ...(amselgesang)


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Bei den Pflegeheimen geht nichts unter einem halben Jahr, deshalb die Voranmeldung. Man wird benachrichtigt, wenn ein Zimmer frei wird, und kann dann entscheiden. Für uns ist es eine Absicherung, falls es mit der Pflege hier im Haus zu schwierig wird. Der heutige Tag verlief übrigens ruhig. Ich lerne ständig dazu.

Dienstag, 19. Juli 2016

Wechselbäder


Erst einmal möchte ich allen, die mir per Kommentar oder Mail ihre Anteilnahme gezeigt oder auch still mitgelesen und -gefühlt haben, ganz herzlich danken. Auch das gelegentliche Lesen in euren Blogs hat in den letzten Tagen und Wochen so manches Mal dazu beigetragen, dass die Decke blieb, wo sie hingehört, und mir nicht allzu sehr auf den Kopf gefallen ist. Ohne meinen Mann wäre ich aufgeschmissen, ohne den Sohn würde ich weniger lachen, und ohne euch wäre die Welt um einiges "enger", wenn ihr wisst, was ich meine.
Ihr ermahnt mich, auch an mich selber zu denken. Ich weiß wohl, wie wichtig das ist, und gönne mir (oder: mein Mann gönnt mir) immer wieder kleine Auszeiten, z.B. fürs Freibad: abends mit dem Rad hin, ein halbe Stunde lang immer eine Bahn Brust, eine Rücken - dann spüre ich den Sommer auf der Haut und fühl mich stark. 
Anders als im Freibad waren bis jetzt zu Hause eher Wechselbäder an der Tagesordnung. Einerseits, was das Befinden meines Vaters betrifft - wenn ich es in einer Kurve darstellen sollte, würde es gewissen Börsenkursen ähneln: immer auf und ab, aber leider insgesamt eher nach unten weisend. 
Andererseits auch tägliche Stimmungs - Wechselbäder: ruhige und aufgeregte Phasen, Bitte um Hilfe und heftiger Widerstand gegen "Bevormundung", still-melancholische Zwiegespräche und Anfälle von Misstrauen mit schlimmen Vorwürfen und Beschimpfungen, Wortschwälle und Sprachverwirrung wechseln in völlig unvorhersehbarer Folge. 
Dazwischen Lichtblicke: Kleine, sehr langsame Spaziergänge, Kirschen essen auf der Terrasse, unverhoffte, unbeholfene Zärtlichkeiten: ein Händedruck, ein Knietätscheln. 
Verschlossene Türen wie z.B. die zum Keller (ach, hätte ich sie doch in jener schlimmen Nacht auch abgeschlossen!) lösen großen Ärger aus. Die Wirklichkeit wird immer mehr von Traumbildern und - teils verzerrten - Erinnerungen überlagert. 
Und leider wird die Nacht immer mehr zum Tage. Der Hausarzt ließ uns ein Neuroleptikum ausprobieren, das Wahnvorstellungen und psychotischen Zuständen entgegenwirken soll. Es ist sicher ein bewährtes Mittel, aber was im Beipackzettel als mögliche unerwünschte Wirkung steht, trat prompt ein: es wirkte genau entgegengesetzt, und eine solche Nacht möchte ich nie wieder erleben! 
Ein Beruhigungsmittel tat dagegen seine Wirkung in einer Situation gestern, als ich ihn am Hinauslaufen auf die Straße (ohne Kleider!) hindern musste, was nicht ohne Handgreiflichkeit zu machen war und ziemliche Aggressionen auslöste. Als die Wirkung abends nachließ und wieder große Unruhe auftrat, gab ich ihm noch eine Dosis, was bewirkte, dass er zwar nachts zu schwach und gedämpft war, um übers Bettgitter steigen zu können. Er hat es aber die ganze Nacht lang versucht... Und er war immer noch stark genug, um meine Bemühungen, ihm wieder zu einer Längs- statt Querlage im Bett zu verhelfen, scheitern zu lassen.
Heute morgen war er total übermüdet, konnte aber dennoch nicht einschlafen, weil die motorische Unruhe nicht nachließ. Er lief herum trotz Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen, sodass man immer nebenherlaufen musste. Die Sprache war ein kaum verständliches, wirres Murmeln. Ich war am Ende meiner Kräfte, gab ihm in meiner Verzweiflung eine halbe Schlaftablette, überließ meinem Mann die Bewachung und bat den Hausarzt um ein Gespräch. Er sagte dasselbe, was meine Schwester schon zuvor am Telefon gesagt hatte: zumindest im Moment geht es so nicht mehr weiter. Zu Hause. Sein Rat war, in der gerontopsychiatrischen Abteilung des hiesigen psychiatr. Klinikums stationär eine medikamentöse Einstellung vornehmen zu lassen. Er versicherte mir, dass man tagsüber jederzeit Besuche machen kann, was ganz wichtig für meinen Vater ist, denn diese ungewohnte Umgebung wird ihm, zumindest am Anfang, große Angst einjagen, wie ich aus Erfahrung weiß. 
Am Donnerstag ist es soweit, und wenn ich daran denke, werde ich ganz zittrig. Der Kopf weiß, dass es sein muss, aber das Herz - ihr wisst schon. Das Ganze kann mehrere Wochen dauern.
Heute abend werde ich ihm nun doch ein Schlafmittel geben. Ich nehme an, dass das wirkt, ich hätte es allerdings gerne vermieden, zumal solche Medikamente ohnehin nicht für eine längerfristige Behandlung geeignet sind. Aber ich muss einfach selber mal wieder durchschlafen. Ich hoffe, dass es gutgeht und die Nebenwirkungen nicht zu massiv sind. Es ist nach wie vor ein schlimmes Gefühl für mich, das arme, geschundene Gehirn meines Vaters diesen chemischen Stoffen auszusetzen, die irgendwas mit ihm machen und ihn nicht "er selber" sein lassen. Aber es geht nicht anders, und ich hoffe nur, dass ihm in den nächsten Wochen geholfen werden kann, um wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Ob nun zu Hause oder in einem Heim... ach ja, vielleicht geht auch das nicht anders.  
Vielleicht aber doch.

Stand der Dinge kurz vor Mitternacht: Ich habe ihm die Tablette um 19.15 Uhr gegeben. Bis jetzt ist nicht an Schlaf zu denken. Er bekommt die Augen nicht zu (aber auch nicht richtig auf), ist bis 22 Uhr schwankend und wackelig durch die Wohnung getigert, ließ sich nicht stoppen, liegt jetzt alles andere als entspannt, sondern mit einer "zwanghaften" Bewegungsunruhe im Bett und redet mit schwerer Zunge alles mögliche, wovon das Wenigste zu verstehen ist. Von Zeit zu Zeit antworte ich in beruhigendem Ton etwas halbwegs passend Scheinendes. Ob wohl noch ein paar Mützen Schlaf drin sind heute nacht...??





Mittwoch, 6. Juli 2016

Unruhenächte

Gestern habe ich unter dieser Überschrift einen ellenlangen Post-Entwurf geschrieben, d.h. er wurde immer länger und länger, obwohl ich das gar nicht vorgehabt hatte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das kein blog-geeigneter Text wird - und umso hemmungsloser weitergeschrieben. Als "Entwurf" bleibt er hier gespeichert, aber da mein Blog nicht nur ein privates Tagebuch ist und ich nun schon angefangen habe, meine Erfahrungen mit der Krankheit meines Vaters ein Stück weit hier zu teilen, möchte ich dies auch weiterhin tun. Und ich werde es eher sachlich tun, denn meine Gefühle fahren zur Zeit oft Achterbahn, und es ist mir unmöglich, sie zugleich authentisch und doch im formalen Rahmen eines normalen Blogeintrags in Worte zu fassen ("Pünktchen", das kannst du besser als ich...!). Vielleicht könnt ihr zwischen den Zeilen etwas davon lesen.


So ruhig die Tage meist sind - zumindest die Vormittage, denn da schläft mein Vater nach der Morgentoilette und einem kleinen Frühstück im allgemeinen bis zum Mittagessen und danach auch nochmal eine Runde -, so unruhig sind derzeit die Nächte. Leider.
Seit mein Vater vor gut sechs Wochen aus der Klinik entlassen wurde, habe ich jede Nacht unten bei ihm, im Nebenzimmer, geschlafen, mit offener Türe und "Hasenohren" (wie damals mit den  kleinen Kindern...). Solange er noch zu schwach war, um selbständig aufzustehen, und überhaupt sehr, sehr müde, hatte er einen Schlafrhythmus wie ein Säugling: drei, vier Stunden schlafen, aufwachen, rufen, etwas trinken und evtl. eine Kleinigkeit essen, weiterschlafen. Im Schlaf erlebt er allerdings immer aufregende, teils auch wirklich schreckliche Dinge, die er nicht von der Wirklichkeit unterscheiden kann und dann erzählen und besprechen muss. Ganz schwierig wird es, wenn er von mir verlangt, mich z.B. um "die armen verletzten Menschen" zu kümmern - und wenn ich dann versuche ihm zu erklären, dass da keine verletzten Menschen sind, wird er sehr ärgerlich und macht mir schwere Vorwürfe... Das hieß anfangs, ein oder zwei Mal in der Nacht aufstehen und sich dem stellen, versuchen zu beruhigen. Dann kamen zwei Wochen mit ruhigeren Nächten, mit einem oder sogar keinem Aufwachen und leichtem Wiedereinschlafen, sehr regelmäßig. Ich dachte schon, jetzt könnte ich mit einer "Überwachung" per Babyphon beginnen und so auch mal wieder ins eigene Bett kommen (dass auch "Herr Amselgesang" sich darüber gefreut hätte, brauche ich wohl nicht extra zu sagen).  :-)


Mit zunehmender Beweglichkeit (in engem Rahmen, aber immerhin) wuchs aber auch die nächtliche Unruhe - wohlgemerkt, nur nachts. Tagsüber schläft er immer noch vom Frühstück bis zum Mittagessen und dann nochmal ein, zwei Stunden. Dann werden die Intervalle kürzer, und mein "Wachhalteprogramm" beginnt: eine halbe Stunde auf der Terrasse sitzen, am Tisch beim Johannisbeeren-Abzupfen helfen, Apfelschnitze oder Kirschen essen, ein bisschen reden... alles macht ihn bald müde, und er will wieder liegen und dösen. Spätestens um halb zehn geht er dann "richtig" ins Bett und schläft bis irgendwann nach Mitternacht. Dann ist Schluss mit Schlafen - er ist wach. SEHR WACH! Und meist total daneben, verwirrt, ärgerlich, will aus dem Bett (und tut es auch, sogar übers Bettgitter), streitet mit mir, kommentiert meinen dringenden Wunsch, dass ich jetzt aber schlafen will, mit "Ach was, immer nur schlafen, schlafen! Hast du nichts zu tun?" und so weiter.


In dieser Situation kann es mir trotz allen Mitleids und aller inzwischen erworbenen Übung im Gelassenbleiben passieren, das mir der Kragen platzt. Einfach aus Müdigkeit, aus Ratlosigkeit und der Einsicht, dass ich überhaupt nichts tun kann, um diese Phase schneller zu beenden - er ist dann ganz in seiner eigenen Welt und kann nicht raus. Und ich nicht rein. Ich kann nur seufzend und augenreibend warten, bis es sich von selber beruhigt. Und dann versuchen, wieder einzuschlafen -  wenn nicht noch mehr Unterbrechungen kommen, geht das.


Mir ist inzwischen klar, dass man einen körperlich und geistig gebrechlichen alten Menschen nur zu zweit zuhause pflegen kann, alleine wäre es vollkommen unmöglich. Solange jemand total bettlägerig ist und gar nicht aufstehen kann, mag es gehen - da ist zwar die Körperpflege anstrengender, aber man hat doch die Sicherheit, dass nicht viel passieren kann, wenn man sich mal für eine Weile entfernt. Wenn ein dementer Mensch aber in der Lage ist, aus dem Bett zu steigen und (wackelig) herumzulaufen, zugleich jedoch keinerlei Gefühl hat für das, was ihm passieren kann, dann braucht die Betreuung mindestens zwei Personen. Wenn nicht mein Mann in Haus und Garten und auch beim Aufpassen auf den Schwiegervater so tatkräftig mit anpacken würde, könnten wir meinen Vater nicht hier behalten. Und wie lange wir es so schaffen, muss man noch abwarten - vor allem im Blick auf die Nächte.

Die bunten Muster entstanden beim Spielen mit Holzklötzchen, die in wunderschönen leuchtenden Farben lackiert sind und meinem Papa gehören. Ich wollte ihn gerne animieren, sich ein wenig damit zu beschäftigen, aber er hatte kein Interesse. Nachdem ich mehrere Muster in der Art der ersten drei Fotos gelegt hatte, meinte er: "Mach doch mal was Zentrales. Einen Stern oder so." Ich sagte listig: "Ob das überhaupt geht? Ich glaube nicht." Später sah ich ihn dann doch die Klötzchen sortieren - das Ergebnis sieht man auf dem letzten Bild. Ein Stern ist es nicht geworden, und es hat mich schon ein bisschen erschüttert, dass er es nicht schaffte, auch nur ansatzweise eine "Ordnung" hineinzubringen. Das mag nebensächlich erscheinen, aber wenn ihr meinen Vater kennen würdet, wüsstet ihr, dass es bei ihm nie ohne irgendein System, ein Gestaltungsprinzip abgehen würde, wäre er gesund. Schön ist es trotzdem, eigentlich viel schöner als meine braven Musterchen - erinnert ein bisschen an Paul Klee - , schön ist vor allem, dass er es überhaupt probiert hat (leider nur einmal).

Samstag, 18. Juni 2016

Ruhetag



Nicht jeder Tag kann ein Enkel- und Spieletag sein.
Wir nehmen es, wie es kommt, und freuen uns an den einfachen Dingen, wie z.B. eine Viertelstunde auf der kleinen Terrasse vor seinem Wohnzimmer zu sitzen. 
"Sollte man nicht ein Gitter an den Gartenteich machen, zur Sicherheit?"
"Aber Papa, wir fallen da bestimmt nicht rein!"
"Das kannst du nie wissen."
"Ihr seid doch auch ohne Gitter zurechtgekommen, wir schaffen das auch."
"Aber für die Kinder ist es gefährlich!"
"Die Kinder sind auch schon groß, die passen selber auf."
"Ich weiß nicht... wenn du meinst..."

Er macht sich furchtbar viele Sorgen, überall im und ums Haus lauern Gefahren, vor denen er uns nicht mehr bewahren kann... 
"Dann müsst ihr halt sehen, wie ihr zurechtkommt, wenn ich nicht mehr da bin." 
"Papa, wir sind ja auch schon sehr erwachsen - ich werde nächstes Jahr sechzig, denk mal!"
"Ich weiß nicht... " (zweifelnder Blick).

Ach ja.

Montag, 6. Juni 2016

Zwölf Tage

Ein paar Worte voraus:
Nach einer unfreiwilligen, durch Unvorhersehbares verursachten Pause (wenn auch nur von 12 Tagen) wieder mit dem Schreiben anzufangen, um die Ereignisse nachträglich festzuhalten, ist gar nicht so einfach. Wo fange ich an, was erzähle ich und was gehört nicht in die Blogöffentlichkeit? Schon damals habe ich z.B. lange gezögert, bevor ich über meinen Vater geschrieben habe. Es ist mir aber doch wichtig, Familiäres und Persönliches nicht ganz auszuklammern, und ich versuche mit der gebotenen Behutsamkeit, meine Erlebnisse in Worte zu fassen. Dieser Blog ist für mich eben auch ein Tagebuch - kein sehr intimes, aber auch nicht nur eine Sammlung von Anekdoten oder Urlaubsbildern. 
Wie wertvoll dieses Tagebuch für mich ist, wurde mir so recht bewusst, als im letzten Jahr die Festplatte meines Laptops kaputtging, mit den Fotos der letzten sieben oder acht Jahre drauf. Zwar habe ich lange Zeit analog fotografiert und deshalb so viele Kinder- und Familienfotos auf Papier, dass die verlorenen digitalen aus einigen Jahren zu verschmerzen sind. Aber wie froh war ich, als mir klar wurde, dass viele dieser Fotos und die damit verbundenen Erinnerungen ja im Blog "aufbewahrt" sind, zusammen mit Berichten über besondere und vor allem über Alltags-Erlebnisse. Ich habe mit großem Genuss und viel Freude meine alten Einträge gelesen und gedacht: Wie gut, wie wunderbar, dass ich rechtzeitig damit angefangen habe! Und nicht nur, aber auch aus diesem Grund werde ich auch weiterhin manches von dem, "was sich begibt", hier aufbewahren.

Nun also, was hat sich begeben?
Vor zwölf Tagen ist mein Vater nachts im Stockdunklen auf der Kellertreppe gestürzt. Er muss wohl aufgewacht, in völlig desorientiertem Zustand dorthin geraten und die letzten paar Stufen hinuntergefallen sein. Kein Schrei, kein Hilferuf. Wenn der große Sohn, der eben zu Besuch war, nicht noch wach gewesen wäre und den Plumps gehört hätte... ich mag es mir gar nicht vorstellen.
Der Rettungswagen war schnell da (auch wenn es mir furchtbar lang vorkam), mein Papa war die ganze Zeit ansprechbar und in der Lage, auf Fragen nach Name, Adresse und Geburtstag zu antworten. Nur wo er sich befinde und wie er dahin gekommen sei, konnte er nicht sagen. Auf dem Kopf hatte er eine große Platzwunde, die heftig blutete. Nach den Untersuchungen in der Klinik stand fest, dass er sich wunderbarerweise nichts gebrochen hatte und äußerlich mit heftigen Prellungen davongekommen war. Im CT zeigten sich allerdings kleine Hirnblutungen, die weiter beobachtet werden sollten.


Es folgte eine Woche im Krankenhaus, die für ihn kaum zu ertragen und für mich deshalb sehr anstrengend war. Die Klinik kann nichts dafür, ich bin dort - mit einer einzigen Ausnahme - nur freundlichen, hilfs- und auskunftsbereiten, aufmerksamen Ärzten, Ärztinnen, Schwestern und Pflegern begegnet. Aber für meinen Vater war ein Krankenhausaufenthalt schon im letzten Jahr (als er noch besser beieinander war) der reine Horror. Für ihn ist es in dieser unvertrauten Umgebung, mit all den fremden Menschen, dem ungewohnten Tagesablauf usw., als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Und nun war er durch die Blutungen und Schmerzmittel benommen und verwirrt, aß und trank fast nichts, war niedergeschlagen oder apathisch, hatte dazwischen aber auch immer wieder äußerst unruhige Phasen, wo er völlig den Kontakt zur Wirklichkeit verlor, aus dem Bett steigen wollte, um sich schlug und verzweifelt gegen das Festgehaltenwerden kämpfte. Er tat mir so furchtbar leid. Ich war froh, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und bleiben konnte, und fuhr nur immer wieder für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Die Nachtschwester versorgte mich netterweise mit Kaffee und einem bequemen Polster-Rollstuhl...
Es war anstrengend, ja, aber es gab in diesen Tagen und Nächten auch Momente, die ich nicht missen möchte. Eine kostbare Nachtstunde, gegen Morgen, wo er ganz klar war und leise alles vor sich hin sagte, was ihm wichtig war im Blick auf seinen Tod. Vom Text für die Beerdigung bis zu Erinnerungen an manches aus der Vergangenheit, was ihn belastet hatte oder noch beschäftigte. Ich dachte schon: jetzt ist es soweit... aber dem war nicht so. Er hatte am nächsten Tag keine Erinnerung mehr an dieses nächtliche Gespräch, aber ich werde es nicht vergessen.
 
 
Da mein Vater klar geäußert hatte, dass er im Ernstfall keine intensivmedizinischen Lebenserhaltungsmaßnahmen wünscht, und auch eine entsprechende Patientenverfügung hat, wurde er nach einer Woche entlassen. Nun liegt er hier in einem Pflegebett, kann sich wegen Rückenschmerzen noch wenig bewegen und wir üben täglich das Aufstehen mit Hilfe. Wie ich meinen sportlichen Vater kenne, traue ich ihm zu, wieder auf die Beine zu kommen, wenn auch sicher langsam. Das größere Problem ist die geistige Verfassung, die ihm und uns gerade sehr zu schaffen macht. Ich kann mir kaum vorstellen, das sich das wieder wesentlich bessert, aber da ich ja schon einmal erlebt habe, wie er sich nach einem - auch geistigen - Zusammenbruch wieder ins Leben zurückgekämpft hat, wenn auch in ein sehr eingeschränktes, gebe ich die Hoffnung nicht ganz auf. Nur wenn ich an unseren letzten (ja, nun vielleicht wirklich letzten) Spaziergang im Wald vor zwei Wochen denke, langsam, aber stetig und mit kleinen, alltäglichen Gesprächen, dann könnte ich heulen.

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Um dem etwas Heiteres entgegenzusetzen, kommen zum guten Schluss noch drei winzigkleine "Montags-Mandalas", (inspiriert von "jahreszeitenbriefe") und gelegt auf kreisrunden grünlichen Flechten mit dem, was auf der Wiese hinterm Klinikzimmer zu finden war:




Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mein Jüngster (18) von seinem ersten und durch die Wetterverhältnisse gleich ziemlich dramatischen Musikfestival, nämlich von "Rock am Ring", heute Gott sei Dank wohlbehalten heimgekommen ist. So kann ich am Ende dieser zwölf sorgenvollen Tage doch beruhigt einschlafen. Mir und euch allen wünsche ich eine ruhige, sommerlich schöne Woche!

Mittwoch, 28. August 2013

Verflixt...!

  Wenn...  zwei große Jungs eine dreitägige Bergwanderung planen, alles schönstens vorbereiten - Hüttenübernachtungen buchen, Route ausdrucken, Rucksäcke packen..., 
 wenn...  am Abreisetag dann regnerisches Wetter für die nächsten zwei Tage vorhergesagt wird und der Himmel sich grau in grau präsentiert...,
  wenn...  die Wanderlustigen auf die vorsichtige Frage der Mutter, ob sie vielleicht nicht doch lieber...? antworten, dass ihnen so ein bisschen Regen gar nichts ausmacht mit Anorak, Wanderstiefeln und Regenhosen...,
  wenn... die besorgte, aber auch auf ihre wetterfesten Buben stolze Mutter dem abfahrenden Auto hinterhergewinkt, eine Tasse Kaffee getrunken, ein Weilchen geschafft hat und sich dann ins Bubenzimmer begibt, um auch dort zu lüften und staubzusaugen, und...

 

   ...wenn das erste, was sie da entdeckt, die Wanderstiefel des Ältesten sind, die seelenruhig am Bett stehen und unbegreiflicherweise nichts unternommen haben, um mitgenommen zu werden...,
   dann... ist sie erst mal fix und fertig! Schimpft laut auf den zerstreuten Professor, der im Geiste wohl schon über den Wolken schwebte. Schimpft noch etwas lauter auf sich selber, dass sie am Morgen (verpennt wie immer um diese Zeit) nicht gleich hingeschaut hat, wo sie doch im Zimmer war, als der Bub sein Zeugs ins Auto geschafft hat. Rast zum Telefon und ruft aufs Handy an: Hast du eigentlich schon gemerkt...? ...nein, hat er nicht! Und jetzt? Lauf ich halt mit den Schlappen, die ich anhab. Geht schon!



Die Mutter betrachtet noch einmal traurig und vorwurfsvoll die verflixten Stiefel und findet sich mit dem Lauf der Dinge ab. Denkt an regennasse Wanderwege, rutschige Felsen, nasse Füße und die Temperaturen in zweitausend Meter Höhe... und gibt ihren beiden in Gedanken einen Engel mit. (Den sie vielleicht selber am meisten braucht...?)

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Am Abend wartet sie sehr darauf, dass die beiden sich mal melden. Vergeblich. Mit ihren Anrufversuchen erreicht sie immer nur die Mailbox - also haben sie wohl keinen Empfang da oben. Blöd. Blöd!! Und blöd, dass sie jetzt dauernd Bilder im Kopf hat von verstauchten Knöcheln und in der Nacht herumirrenden frierenden Kindern, ohne Handynetz und ohne Wollpullover... sie hat derartige übertriebene Sorgenbilder ganz gut unter Kontrolle, aber sie sind da. Zumal es jetzt draußen zappenduster geworden ist.
Anruf des Vaters, der sich zur Zeit woanders aufhält: Haben sie sich schon gemeldet? Nein? Da kann man nichts machen, muss man eben bis morgen warten. (Sie weiß, er macht sich auch Sorgen).
Und dann der Geistesblitz: Das Internet! Die Hütte! Wozu hat man denn Google? Mann... da hätte ich auch früher draufkommen können. Schnell die Nummer rausgesucht, angerufen - belegt. Und nochmal - belegt. Ein längeres Gespräch... aber dann komme ich durch. Und höre den Hüttenwirt brummen: Ja ja, dia zwoa san do! Mir ham halt koan Handyempfang da obn...

Wenn... er jetzt neben mir stünde - 
dann... würde ich ihn glatt umarmen!

Aber echt!!!


(Bild von einer früheren Tour)

Mittwoch, 13. März 2013

Begleitmusik


Die letzten vier Tage: eher Allegro als Andante.
Erst ein schöner, aber auch anstrengender Chorsamstag mit über zweihundert SängerInnen, an dem ich mit meinem Chor teilnahm. 
Darauf ein Sonntag, der ganz anders geplant war, als er dann ablief. Ich kann hier nicht ausführlich darüber schreiben - aber stellt euch vor, jemand soll feierlich in den Ruhestand verabschiedet werden mit Blumen, Reden, Kollegen, Ehrengästen und jeder Menge sonstiger Leute, und dieser Jemand ist dann aufgrund äußerst kurzfristig eintretender akuter gesundheitlicher Probleme bei seiner eigenen Verabschiedung einfach nicht dabei, sondern verabschiedet sich per Rettungswagen ins Krankenhaus... es folgen hektische Telefonate, was nun zu tun sei... stellt euch aber außerdem drei große Söhne vor, die ohne viel zu fragen Essen kochen, Gäste versorgen, Getränkekisten schleppen, Fragen beantworten... und Festgäste, welche die unvorhersehbare Situation mit Anteilnahme, Gelassenheit und - nachdem klar ist, dass die gesundheitlichen Probleme der abwesenden Hauptperson zwar sehr unangenehmer, aber nicht wirklich ernster Art sind - mit Humor in einen Nachmittag voll guter Begegnungen verwandeln... stellt euch Blumensträuße und Geschenkkörbe vor, die überall im Weg stehen, und eine Menge übriggebliebene Häppchen, die dann abends, als Ruhe eingekehrt war, zusammen mit den ungarischen Freunden aufgegessen wurden, dazu ein vom Sohn aufgebrühter wunderbarer Espresso... ja, dann wisst ihr so in etwa, wie mein Sonntag war. 
Am Montag Besichtigungs- und Einkaufsprogramm mit den Gästen - schön, aber leider nasskalt, weshalb ich jetzt auch zu den Erkältungsopfern gehöre.
Gestern dann viel Telefoniererei (alle wollen schließlich wissen, wie es dem Patienten geht - danke, zum Glück schon viel besser!) sowie ein paar halbherzige Aufräumversuche, die irgendwann zugunsten eines Mittagsschlafes aufgegeben werden.
Und die ganze Zeit klingt immer wieder eine Melodie in meinem inneren Ohr nach, ein Chorlied, am Samstag gesungen und nun mein Begleiter durch das Auf und Ab dieser Tage, und wohl auch noch eine Weile länger: John Rutter, The Lord bless you and keep you:



The Lord bless you all!

Freitag, 28. September 2012

Reisesegen

Fünf Tage verreisen - wie schön!
Die ersten drei Tage mit einer Gruppe von Frauen (uns verbindet ein gemeinsames Ehrenamt) nach Erfurt. Da war ich noch nie, das wird interessant werden. Dann noch zwei Tage zum großen Sohn.
Ich freue mich sehr drauf, aber wie vor jeder Reise ist da auch diese kleine Bangigkeit: wird alles gutgehen? Werden wir uns wohlbehalten wiedersehen? Keine große Sache, nur das Bewusstsein, dass nichts selbstverständlich ist. Das trage ich mit mir herum, seit ich denken kann. Und ich glaube, ich will es auch gar nicht loswerden. Es gehört zu mir, es ist auch ein Stück Mutter- und Großmutter-Erbe. Es lässt mich spüren, wie kostbar das Zusammenleben ist.
Und wie als Antwort auf meine Gedanken finde ich eben bei auf einander zu eine Motette von Mendelssohn, die mich nun als musikalischer "Reisesegen" begleiten wird. Danke, Gabriela (deine Sorgen sind größer als meine...)! Auch dir, und euch allen, gesegnete Wege!


Sonntag, 2. September 2012

Urlaub (Teil 1): Alles wird gut...

Auch das, was lange währt, wird endlich gut und kommt auf's (virtuelle) Papier - in zwei Teilen, denn die schönsten Bilder vom Urlaubsland sind auf dem väterlichen Fotoapparat gespeichert (der viel besser ist als meiner), und ich habe versäumt, sie auf meinen PC zu laden. Die kommen also später. Hier nun die familiären Aspekte einer schönen Reise - wenn auch mit kleinen Hindernissen...

Man braucht mindestens zwei Tage für die Strecke von hier bis ins südliche Siebenbürgen, deshalb machten wir nach der ersten, immer ein bisschen langweiligen (weil fast nur aus Autobahn bestehenden) Etappe am Plattensee Station.
Die Nachtruhe im kleinen Hotel kam ein wenig verspätet, weil das Schloss der Badezimmertür ausgerechnet in dem Moment blockierte, als mein (85jähriger) Vater wieder raus wollte. Der Enkelsohn (14) hätte gern kurzen Prozess gemacht: "Die Tür könnte ich leicht eintreten - soll ich?". Ich habe dann doch lieber die Dame vom Empfang geholt, die einen Schlosser alarmierte, welcher eine halbe Stunde später kam und den Opa mit sanfterer Gewalt befreite. Große Erleichterung, vor allem bei mir, denn es ist ein ganz blödes Gefühl, so von einem Menschen abgeschnitten zu sein, für den man sich mitverantwortlich fühlt. Er blieb aber ganz gelassen und schlief trotz allem gut!

 Die zweite Etappe beginnt mit einer langen Fahrt durch die ungarische Puszta. Wir fuhren mit zwei Autos, mit meinem Mann im einen als Non-stop- Chauffeur, im anderen wechselten der große Sohn und ich am Steuer ab.
Hier gibt es nicht so viel zu sehen: eine gute Gelegenheit für die Beifahrerin, ihr Strickzeug rauszuholen und Pulswärmer für die Schwiegermutter zu nadeln.                                                   
Und dabei ging dann meine Brille kaputt, einfach so beim Runternehmen (einzelne Maschen sehe ich nämlich ohne besser). 
Sie war ja auch schon ziemlich alt... anderes war eben immer wichtiger als ein neues Nasenfahrrad.

(Ein Optiker hat mir später die alten
Gläser in ein neues Gestell gebastelt.)



 
 Zum Glück hat der große Sohn das "Fernfahrer-Gen" seines Vaters geerbt und fuhr die ganze restliche Strecke alleine. Meine Sorge, es könnte ihm zuviel werden, mein Hinterkopf-Gedanke: in diesem Urlaub ist von Anfang an der "Wurm" drin - was wird noch alles passieren? -, meine leise Bangigkeit bei jeder dieser weiten Reisen - was wäre, wenn...wir einen Unfall hätten...? etc. wich im Laufe des Tages der Vorfreude auf die gemeinsamen Ferientage.

 


Dann waren wir am Ziel, und das Ferienleben konnte beginnen. In diesem Holzhaus in einem waldigen Tal in den Ausläufern der Südkarpaten sind wir in den letzten fünfzehn Jahren fast jedes Jahr einmal gewesen, hier treffen wir uns mit unseren Freunden und mit den nicht weit weg lebenden ungarischen Verwandten.




Dieses kleine Feriendomizil haben wir vor vierzehn Jahren zusammen mit zwei befreundeten Familien und der Familie meines Mannes eingerichtet. Das rechte Häuschen stand schon da, das linke wurde neu gebaut. Seitdem waren wir fast jedes Jahr einmal da, und unsere Kinder haben hier eine "zweite Heimat" (und die Heimat ihres Papas kennengelernt).
Viele schöne Erinnerungen sind mit diesem Ort verbunden.
                   
                                                                                
                                                 
                                      











Die Nebenstraßen sind meist ungeteert, daher gab es nach jedem Regen zur Freude der Kinder wunderschöne, riesige Pfützen! (Die gibt's natürlich immer noch, nur die Kinder sind größer geworden und die Begeisterung für Pfützen hat nachgelassen).

  
Ein Bächlein fließt am Haus vorbei, das allerdings dieses Jahr wegen der langen Trockenheit sehr wenig Wasser hatte.
Zum Füßewaschen war es aber genug.


Das Ferienleben hier ist einfach und naturnah. Es gibt zwar einen kleinen Herd im Haus, aber auf dem Feuer gekochtes Kesselgulasch (mit ein paar reingefallenen Tannennadeln als Würze...) schmeckt immer am besten. Dazu Stockbrot!











(Und für hinterher....gibt's noch ein ganz kleines grünes Häuschen :)
 
In den ersten Tagen stand Ausruhen auf dem Programm. Jeder tat das auf seine Weise.




Sonst kamen oft streunende Hunde und ließen sich von den Kindern füttern, diesmal wurden wir von einer jungen Katze erwartet, die sich benahm, als würde sie uns schon lange kennen.

Im kleinen Haus kann man gemütlich spielen (sogar Diagonal-Schach...hihi).



















                
                                                                             
Ich strickte die Pulswärmer für meine Schwiegermama fertig...











..und merkte erst hinterher, dass ich versehentlich zwei linke Teile fabriziert hatte! Also strickte ich noch zwei rechte dazu und hatte nun ein weiteres Paar zum Verschenken.








Meine Schwiegermutter hat sich über die Wärmerchen  zu ihrem Geburtstag gefreut! 



Gleich in den ersten Tagen machte sich leider ein Halsweh-Virus bemerkbar, der den jüngeren Sohn nur leicht, den älteren aber ganz heftig erwischte. Nach zwei Nächten mit -erstaulicherweise mäßigen - Schmerzen, aber steigendem Fieber fuhren wir mit ihm in die nächste Stadt zu einem Arzt. Der sagte beim Hineinschauen in den Hals nur:"Csúnya!", was soviel heißt wie "hässlich". Offenbar war eine bakterielle Infektion dazugekommen und hatte eine eitrige Entzündung verursacht. Laut Arzt musste ein Antibiotikum als Injektion verabreicht werden, jeweils morgens und abends um sieben Uhr. Unser Großer war natürlich nicht begeistert: eine Woche lang so früh aufstehen (der Weg in die Stadt dauert fast eine halbe Stunde) und die ganze Fahrerei - "und das sollen jetzt Ferien sein!?" - aber es ging eben nicht anders. Und ich war - nach zwei Nächten mit Wadenwickeln und schlafraubenden Befürchtungen - erleichtert, dass die Behandlung ohne Probleme anschlug.









 


Während der Patient sich allmählich erholte...

...machten die anderen Familien- 
mitglieder in wechselnder Besetzung Ausflüge in die nähere...








  


                                  






...und in die weitere
Umgebung.











(Über die Schönheit und Eigenart dieses Teils von Siebenbürgen möchte ich einmal gesondert berichten).





Dem Sohn ging es bald besser, und eine Ärztin, die ihn nach vier Tagen kontrolluntersuchte, erließ ihm die restlichen Spritzen und gab ihm stattdessen Tabletten. So fühlte es sich schließlich auch für ihn  wieder mehr nach Ferien an. Der Rest der Familie hatte derweil mal ein bisschen Durchfall, mal ein Kratzen im Hals, und ich lag einigemale nachts wach und dachte, was wäre, wenn... mein Vater jetzt krank würde? so weit weg von daheim ... oder meinem Mann, unserem Haupt-Chauffeur, etwas passierte? wie kämen wir dann nach Hause?... Verzagte Nachtgedanken, Nachtgespenster.
Aber alles wurde gut, und wir hatten trotz mancher Aufregungen eine schöne, fröhliche Familienzeit miteinander. Und ich wurde wieder einmal daran erinnert, diesen nächtlich-düsteren Ahnungen und Befürchtungen nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken, sondern mich mit all dem den "guten Mächten" anzuvertrauen, von denen Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Lied schreibt. Wohl wissend, dass durchaus nicht immer alles gut werden muss, "gut" nach meinen Wünschen und Vorstellungen. (Bonhoeffer wusste das auch, als er dieses Lied schrieb). Aber darauf vertrauend, dass es eine letzte, unzerstörbare Geborgenheit gibt: "Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Deshalb soll am Ende meines Berichtes  dieses Wolken-Bild stehen, das mein Vater fotografiert hat.