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Freitag, 12. April 2013

memories: Beidhändig

Etwas, das ich immer sehr geliebt habe im Leben mit Kindern, sind die abendlichen Bettkantengespräche, die sich beim Gutenacht-Sagen so ganz von selbst entspinnen und wo manchmal Sorgen und Nöte, oft aber auch Lustiges, Erstaunliches und auch Tiefgründiges zur Sprache kommt. Wo man solch kostbare Einblicke in die Gedankenwelt eines Kindes geschenkt bekommt - und danach selber Stoff zum Nachdenken hat.



Der Erstgeborene, etwa vier Jahre alt: "Mama, gell, der Gott, der isch sehr groß?"  - "Hm, ja, ich glaub schon..." - "Weißt, weil der doch die gaaanze Welt in seiner Hand hat - wie in dem Lied da!" (Wir hatten im Kindergottesdienst das Gospel gesungen: He's got the whole world... Er hat die ganze Welt in seiner Hand...) - "Ja, das stimmt." - "Aber - wenn der die ganze Welt in seiner Hand hat... was macht er dann mit der anderen Hand?" - "Hmmm, mal überlegen... was macht er wohl..." - "Ich weiß schon: In der einen Hand hält er die Welt - und mit der anderen streichelt er sie!"

(Die kürzesten Predigten sind manchmal die schönsten).



memories - von Zeit zu Zeit ein Blick in die Schatzkiste meiner Erinnerungen aus den letzten gut zwanzig Jahren. Wobei meine Kinder, so wie sie damals waren, natürlich die Hauptrolle spielen...
Wenn ihr Lust bekommt - macht doch auch mal den Deckel von euren Schatzkisten auf und zeigt etwas von euren memories!

Freitag, 1. März 2013

"Ich war fremd..."

Ein Termin, auf den ich mich immer freue: der erste Freitag im März. Ein besonderer Gottesdienst, der an diesem einen Tag im Jahr rund um den Globus geht: vorbereitet von Frauen, kommt er jedes Jahr aus einem anderen Land der Erde, diesmal aus Frankreich mit dem Thema des Fremdseins und der Aufnahme von Fremden, und wird überall auf der Welt nach der gleichen Liturgie und mit denselben Texten gefeiert. Schon die Vorbereitung im Team vor Ort macht Spaß und bietet reichlich Gelegenheit für Kreativität und gute Gespräche. Nicht zuletzt lernt man jedes Jahr ein anderes Land besser kennen (was bei außereuropäischen Ländern natürlich noch interessanter ist als bei Frankreich). Man erfährt viel über die Situation der Menschen, besonders der Frauen in diesen Ländern.

Weltgebetstag: das ist nicht nur ein Gottesdienst, sondern eine weltweite ökumenische Bewegung (die älteste und größte ökum. Laienbewegung), getragen von Frauen aus allen Konfessionen und vielen Ländern. Das ist auch nachhaltige Projektarbeit, die zu 95% Frauen- und Mädchenprojekten in außereuropäischen Ländern zugute kommt und sie in ihrem Kampf für bessere Lebensbedingungen und gegen Gewalt und ungerechte Strukturen unterstützt. (Mehr dazu hier).

Hier noch mal das Titelbild von Anne-Lise Hamann Jeannot in voller Schönheit:


Ich war fremd -                                  Ihr habt mich aufgenommen.
Grau in grau                                         Überall sind Menschen:
Ein Mensch                                           Bunt, freundlich, warm, leuchtend.
Ohne klare Gestalt                                 Nicht mehr allein
Ohne Gesicht                                        Nicht mehr fremd.
Ohne Namen                                         Ihr habt mich aufgenommen -
Ohne Persönlichkeit                               erhellt vom Licht,
Allein                                                    das aus dem Himmel fällt
Im bunten Licht flackernden Lebens       bis zu den Spitzen der Füße.
Fremd                                                   Alles ist aufgenommen
In einer Welt voll                                   in dieser Helligkeit,
Licht und Wärme.                                   so wie wir alle
Ich war fremd.                                       Menschen einer Erde sind.
                                                      
                                                                            Monika Schaugstat

Der zugrundeliegende Text aus dem Matthäusevangelium (Mt.25,31-40):
31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,
33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!
35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?
38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet?
39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
                                                              
Viel Stoff zum Nachdenken... und aktiv werden. 
Ich freu' mich auf unser Frauenfest heute abend!                                                     
                                                        

Freitag, 7. Dezember 2012

Engel heute

                   
Nicht auf Flügeln der Winde
schweben die Engel daher.
Sie gehen auf irdischen Füßen.
Und manchmal seufzen sie schwer.
Sie tragen gewöhnliche Namen
und Gesichter wie unsereins.
Von göttlichen Herrschaftszeichen
tragen sie sichtbar keins.
Willst einen Engel du sehen,
blick dir zur Seite nur:
Wo Menschen sich liebend verströmen,
triffst du der Engel Spur.
Vielleicht bist du selber einer,
durch den Gott zu den Menschen spricht
und gehst deinen Weg zwischen ihnen
segnend und weißt es nicht.
      
Wilma Klevinghaus
 


(Bilder aus "Sixpack Engel" von Dorothee Herrmann)

Mittwoch, 14. November 2012

Segen

Ein Bild, ein Text haben mich heute durch den Tag begleitet:

Christus und der schlafende Johannes (14.Jh.)
 
Johannes sagt immer wieder,
es komme darauf an, in der Liebe zu sein.
In der Liebe zu bleiben.

"Wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott in ihm."

So lehnt er auf vielen alten Bildern
den Kopf an die Schulter Jesu,
gibt ihm die Hand, gehört zu ihm,
schläft ein mit einem stillen, friedvollen Gesicht.

Etwas anderes als der Liebende, 
etwas anderes als der Geliebte
will er nicht mehr sein.

Wollen wir aber in Gott sein,
so nützt kein Gedanke.
Kein Höhenflug des Geistes.
Gott ist auf alle Fälle höher,
weiter, tiefer, größer.
Nur die Liebe ist es, die ihn berührt. 
Die Liebe, die dankbare,
des von ihm geliebten Menschen.

Wer das Ganze schaut,
wer mit Gott eins ist in der dankbaren  Gelassenheit,
der, so sagt die Bibel, ist der Segnende.

Segnen heißt Lebenskraft geben, Leben bejahen.
Heißt sagen: Lebe, wie du musst, und sei glücklich.
"Gott gebe dir vom Tau des Himmels
und von der Fettigkeit der Erde."

Segnen ist eine offene Hand, die gibt und nichts nimmt.
Segnen sagt: Ich sehe den Weg, den du gehst,
und bejahe ihn.
Möge dir die Kraft zufließen, 
die du brauchst.

Jörg Zink, aus: Was bleibt, stiften die Liebenden (Kreuz Verlag)(gekürzt)

(In Dankbarkeit für alle, die mir in diesem Sinne zum Segen geworden sind)

Freitag, 19. Oktober 2012

Aus - Zeit

Retraite - Rückzug in die Stille. Ankommen bei mir selber. Allein sein dürfen. Getragen werden von einer Gemeinschaft, die sich nie aufdrängt, aber da ist, wenn ich sie brauche. Erleben, wie die Einfachheit und Schlichtheit des Lebens alle Sinne anspricht und öffnet. Wieder neu hören lernen.
 

Ohr sein

Die ausgetretenen Wortwege 
verlasse ich,
um einzutreten
in den Raum des Schweigens.
Warten will ich,
bis die Stille
das Laute überwächst
und ich ganz Ohr werde
für Deine Gegenwart. 

Antje Sabine Nägeli


Jedes Jahr im Oktober verbringe ich zusammen mit einer Gruppe fünf Tage bei den Schwestern der Communauté du Grandchamp in der Schweiz, abwechselnd im Mutterhaus am Neuchateler See und im Sonnenhof bei Basel. Das ist eine Kommunität von evangelischen Frauen, die nach der Regel von Taizé leben, aber in ihrer ganz eigenen, viel stilleren Ausprägung.


Einen "Nachklang" davon möchte ich gerne mit euch teilen. 




Unsere Gruppe ist immer wieder ein bisschen anders zusammengesetzt, der erste Tag ist deshalb ein Kennenlern- und Wiedersehenstag. Die nächsten drei Tage sind dann Schweigetage, mit einer gemeinsamen Stunde am Vormittag (eine Runde Morgengymnastik, bei der es meist ziemlich munter zugeht, und eine Bibelarbeit als Impuls für den Tag). Am Nachmittag ist Gelegenheit zum Austausch in kleinen Gruppen oder zu Einzelgesprächen mit der begleitenden Schwester. Die Mahlzeiten sind ebenfalls stille Zeit. So ist man eingebettet in eine Gemeinschaft und zugleich auf eine wunderbare Art in Ruhe gelassen.

 
Wenn man einmal ganz frei wird von der Fülle an Worten und Bildern, die täglich von außen auf uns einprasseln, dann wächst die Aufmerksamkeit für die inneren Bilder, die aufsteigen und angeschaut werden wollen.
Wenn man die meiste Zeit schweigt, dann wird das Wenige, was man redet, wesentlicher.


Wenn man schweigend, langsam und aufmerksam isst, dann wird aus dem einfachsten Essen ein Festmahl (und man bekommt, nebenbei, wieder ein Gefühl dafür, wie viel oder wenig einem gut tut).
Wenn man, ohne viel zu denken, seiner Wege geht und in die Stille hineinhorcht, dann wird auch das Sehen und Fühlen und Riechen und Gehen zu einer Art von Hören. Sogar die Füße scheinen in die Erde hineinzulauschen...


Seit acht Jahren bin ich nun dabei, und jedesmal stelle ich fest, dass diese wenigen Tage eine unglaublich intensive Wirkung haben. Sie sind für mich wie ein Katalysator für die langsamen Prozesse des inneren Wachsens. Immer komme ich einen wichtigen Schritt weiter, erlebe, wie das, was ich gerade am Nötigsten brauche (oft ohne dass es mir bewusst ist), einfach auf mich zukommt, mir geschenkt wird. (Das alles gibt es im oft unruhigen Alltag zuhause auch, aber nicht in dieser Dichte - jedoch lerne ich es  allmählich immer besser, auch da ein Stück innere Stille und Gelassenheit zu bewahren und die leise Stimme in mir nicht dauernd zu überhören...).


An den Tieren könnte man sich dabei öfter mal ein Beispiel nehmen - jedenfalls an den Katzen und Kühen :) ...


Den Lärm hinter mir lassen

Atemzug um Atemzug
lasse ich hinter mir
den Lärm der Welt.
Ich lasse mich nieder
im Raum des Schweigens.
Warten will ich
auf Dich, mein Gott. 
Bahne Dir den Weg
durch das Gewirr
der Bilder und Gedanken.
Berühre mich da,
wo ich unruhig und zerrissen bin.
Lass mich ganz umfangen werden
von Deiner Gegenwart.

Antje Sabine Nägeli

 


Freitag, 20. Juli 2012

Behindert?

   Ich habe das Glück, in meiner engeren Familie noch nicht viele Todesfälle erlebt zu haben, vor allem keine tragischen, keine Kinder oder jungen Menschen. Dafür bin ich dankbar. Da ich Orgel spiele, bin ich aber immer wieder bei Beerdigungen dabei.
   Vor kurzem erlebte ich nun einen ganz besonderen Trauergottesdienst, der mich tief berührte und nachdenklich machte. Ein körperlich und geistig behinderter 16jähriger Junge war gestorben. Die Eltern hatten sich gewünscht, dass er zu Beginn des Gottesdienstes im offenen Sarg in der Kirche aufgebahrt liegen sollte, was bei uns sonst nicht üblich ist. Ich war skeptisch, ob das eine gute Idee wäre, da auch Kinder dabei sein würden. Aber es war dann ganz anders, als ich befürchtet hatte.
   Außer den Angehörigen waren auch Schüler und Lehrer der Schule da, die der verstorbene Junge besucht hatte. Lauter "behinderte" Kinder. Sie hatten kleine Geschenke mitgebracht, selbstgemalte Bilder und Ähnliches, die sie ihrem toten Mitschüler in den mit bunten Blumen geschmückten Sarg legen durften. Eine CD mit Kinderliedern animierte einige zum Mitsingen. Ein größeres Mädchen fing irgendwann laut zu weinen an. Da hörte man auf einmal auch aus den Reihen der "nichtbehinderten" Trauergäste ein Schluchzen oder auch Seufzen, halblaute Worte, jemand legte den Arm um seinen Nachbarn, immer wieder gingen Leute nach vorne und streichelten den toten Jungen, manchmal lachte auch eines der Kinder, vielleicht weil gerade sein Lieblingslied lief. Das Ganze war sehr traurig und zugleich sehr liebevoll, eine ganz freie, spontane, zärtliche "Liturgie"  des Abschiednehmens, in diesem Fall wohl tröstlicher als jede Predigt.
   Dann wurde der Sarg geschlossen - ein schwerer Augenblick - und wer wollte, durfte noch einen letzten Gruß daraufschreiben oder -malen. Noch ein Lied, ein Gebet, der Segen und ein wenig Orgelmusik, dann war einer der bewegendsten Trauergottesdienste, die ich erlebt habe, zu Ende.
   Behinderte Kinder - ja, in ihrer Beweglichkeit und ihrem Denkvermögen vielleicht, aber im Spüren und Ausdrücken ihrer Gefühle sind sie uns "normalen", manchmal emotional ganz schön behinderten Leuten  oft weit voraus. Und sie schaffen es sogar, ihren nichtbehinderten Mitmenschen Mut zu machen, ihre Gefühle ein bisschen freier zu zeigen als allgemein üblich.