Ich sehe schwarz!
Nein, keine Bange, ich bin nicht unter die kategorischen Pessimisten gegangen (auch wenn ich manches in dieser Welt durchaus pessimistisch sehe...). Aber heute habe ich wirklich schwarzgesehen. Das kam so:
In unserer Stadt gibt es die "Aufbaugilde", eine diakonische Einrichtung, die Arbeitslose beschäftigt und unter anderem einen Tafelladen und einen großen Second-Hand-Markt betreibt. Dorthin brachte ich eine Ladung abgelegte Kleidungsstücke und anderes Guterhaltenes und nicht mehr Gebrauchtes. Und wo ich nun schon mal dort war, schaute ich noch das Kleiderangebot durch und fand das hier:
Einen schwarzen Mantel brauche ich eigentlich schon lange, war aber immer zu geizig, einen zu kaufen, weil ich Schwarz sehr selten trage (nur zu Konzerten oder Beerdigungen). Dieser war wie neu, passte wie angegossen und war für 25 Mäuse zu haben. Gebongt!
Wenn ihr bessere Augen habt als ich, könnt ihr euch jetzt denken, was der Sohn sagte, als ich zuhause freudig das Schnäppchen vorführte: "Schönes Teil, Mama - aber du weißt schon, dass der braun ist, oder?" Nee, wusste ich nicht! Im Neonlicht der Markthalle hatte ich das Teil ganz klar schwarz gesehen... Es war ein kleiner Schock, denn ich war mir meines differenzierten Farbensehens immer absolut sicher. Aber das ist nun eben doch das Alter... die Lichtstärke nimmt ab, die Linse trübt sich sachte ein. Ich merke es im grauen Winterdämmerlicht auch immer wieder, dass ich mehr elektrisches Licht brauche als früher.
Eine Schwarzseherin werde ich deswegen aber noch lange nicht! Auch wenn ich heute leider schwarz gesehen habe... :-)
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Mittwoch, 13. Dezember 2017
Mittwoch, 1. November 2017
Ver(k)rückt
Wie gut es einem normalerweise geht, merkt man ja oft erst, wenn irgendein Körperteil auf einmal nicht mehr so selbstverständlich und unauffällig funktioniert, wie man das gewohnt ist. Verglichen mit manchen Gleichaltrigen bin ich in Sachen Gesundheit vom Leben ziemlich verwöhnt worden, und dafür bin ich sehr dankbar. Wenn jetzt solche Dinge wie erhöhter Blutdruck (erblich bedingt) oder empfindlicher werdende Augen mich daran erinnern, dass ich eben doch "kein heurig's Häsle" mehr bin, dann sind das Sachen, mit denen man dank der heutigen medizinischen Möglichkeiten ganz gut zurechtkommen kann. Und manches, was mich in jüngeren Jahren geplagt hat - wie z.B. Kopfschmerzen oder Rückenbeschwerden - hat sich wunderbarerweise mit dem Älterwerden "ausgewachsen" und macht mir überhaupt keine Probleme mehr.
Dafür zwackt es seit drei Tagen ziemlich heftig am Knie, am rechten.
Am Sonntagmorgen saß ich noch munter auf der Orgelbank, beim Heimkommen fühlte sich das Knie schon irgendwie komisch an, und als ich vom Mittagessen aufstehen wollte, tat es übel weh und war, wie sich zeigte, dick geschwollen. Mir war sofort klar, dass sich hier die Meniskusbeschwerden von vor einem Jahr wieder meldeten - damals war es nicht so schlimm gewesen und von selber wieder "gut" geworden, so dass ich den verordneten MRT-Termin abgesagt hatte. Vermutlich die falsche Entscheidung, denke ich jetzt.
Jedenfalls standen am Sonntag noch zwei weitere Orgeldienste an, nachmittags bei einem ungarischen Gottesdienst und abends bei einem kleinen Konzert zusammen mit einer Alphorngruppe (ja, echt!) - wie sollte ich nur überhaupt auf die Empore klettern, vom Pedalspiel ganz zu schweigen?
Aber wie gut, wenn man einen (tier)medizinisch versierten Sohn zuhause - und der auch noch das richtige Zeug zur Hand - hat: Heparin-Gel für Pferde(!)beine aufs Mamabein geschmiert, Bandage drumherum, Omas alte Krücke vom Dachboden geholt, der ungeschickten Mama die motorisch richtige Handhabung beigebracht: am Nachmittag musste ich mich zwar noch mehr oder weniger auf die Orgelbank tragen lassen, aber bis zum Abend konnte ich schon selber die Treppe raufkrücken und sogar ein Stück mit ganz wenig Pedal spielen, ein anderes musste ich weglassen, der Rest war zum Glück auch ohne Füße spielbar.
Mit einer Kombination aus Pferdesalbe tagsüber und Retterspitzwickeln über Nacht ging es dann die letzten beiden Tage so ordentlich, dass ich auch die Proben für ein Chorkonzert samt Aufführung gestern mitmachen konnte (die Uraufführung eines Auftragswerkes für die Reformationsfeier in unserer Stadt, ein wunderschönes "Ökumenisches Magnificat" des britischen Komponisten Peter Bannister). Darüber war ich sehr glücklich, denn wir hatten viel dafür geprobt und ich wäre wirklich traurig gewesen, wenn ich nicht hätte mitsingen können.
Heute allerdings geht nicht mehr viel, ohne Bandage kann ich nicht auftreten, mit auch kaum, und so sitze ich auf dem Sofa und schreibe endlich mal wieder einen Blogpost, ein angefangener Strickstrumpf harrt der Vollendung, und Bücher gibt es ja auch genug.
Und morgen melde ich mich zum MRT an. Diesmal ganz sicher.
(Die Sonne ist rausgekommen, während ich schrieb... ach ja, und der Hund ginge jetzt sicher genauso gern raus wie ich...)
Donnerstag, 9. März 2017
Blickpunkt
Ich bin ein "Augenmensch", schon immer und obwohl ich beruflich eher mit dem Hören als mit dem Sehen zu tun habe. Ja, ich höre und mache gern Musik, und ich singe für mein Leben gern im Chor und auch zuhause beim Bügeln, aber so richtig und zutiefst glücklich bin ich, wenn es Schönes, Interessantes, Berührendes zu sehen
gibt. In Kunstausstellungen oder unterwegs mit der Kamera kann ich die Zeit vergessen, und auch sonst
sind meine Augen immer auf der Suche nach "Bildern". Sie genießen es,
Umrisse nachzuzeichnen und Oberflächen abzutasten, Räume und
Perspektiven zu erforschen und in Farben zu schwelgen. Ich bin froh,
dass ich trotz Kurzsichtigkeit und allmählich nachlassender Lichtstärke
der Augen (fast) alles gut sehen kann - Gleitsichtbrille sei Dank. Und ich hoffe
sehr, dass mir eine Makuladegeneration, wie sie meine Mutter hatte,
oder ähnliches erspart bleibt. Möglichst lange jedenfalls...
Am Samstag vor einer Woche nahm ich in der Apotheke ein "Senior"-Heft mit und las darin etwas über verschiedene Sehstörungen wie Netzhautablösung oder Hornhautentzündung und die jeweiligen Symptome. Und dass man sofort zum Arzt gehen solle, wenn plötzlich Flecken oder Blitze im Gesichtsfeld auftauchen.
Am Sonntag gabs nach dem Gottesdienst noch einen "Kirchenkaffee", und als ich so behaglich an meiner Kaffeetasse nippte, schwammen da auf einmal schwarze Fussel in der braunen Flüssigkeit. Als ich die Tasse mit etwas Abstand inspizierte, waren die Fussel weg - nein, sie schwebten jetzt an der weißen Wand! Und sie bewegten sich beim Hin-und Herschauen mit, ohne dass ich aber etwas spürte. Im Spiegel war nichts im Auge zu erkennen. Aber auf dem Heimweg begleitete mich ein Mückenschwarm am Himmel über den Feldern (na ja, so ähnlich...):
Es störte mich sehr und ich konnte unter den Beschreibungen im Heft nichts finden, was genau so aussah.
Die
Augenärztin, die ich am nächsten Tag aufsuchte, wusste allerdings recht
schnell Bescheid: Das sei eine Glaskörpertrübung im rechten Auge.
"Eine Alterserscheinung, völlig harmlos, das haben viele. Die
Sehkraft wird dadurch nicht beeinträchtigt." Ich war, nun ja, beruhigt,
aber doch nicht ganz: "Und... geht das wieder weg?" Die Ärztin lächelte
milde: "Nein, weg geht das nicht mehr - aber man gewöhnt sich dran!"
Während
ich draußen auf meine Mann wartete, der mich abholen sollte, fühlte ich
mich doch etwas niedergeschlagen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass
ich mich je an diese bei jeder kleinen Augenbewegung hin- und
herschießenden Punkte und Schlieren gewöhnen würde. Ständig versuchten
meine Augen unwillkürlich, auf die "Fremdkörper" zu fokussieren. Würde
ich jemals wieder mit Genuss eine Landschaft anschauen oder ein Bild
betrachten können? Das war ja wie eine Art optischer Tinnitus! Aber
nein, dachte ich kleinlaut, ständiges Klingeln oder Pfeifen im Ohr - das
wäre ganz sicher noch viel übler! Und Blindheit sowieso... was bin ich
froh, dass es nichts Schlimmeres ist! Alterserscheinung, so so - auf die
eine oder andere wird man sich wohl gefasst machen müssen...
Anderthalb Wochen sind seither vergangen. Ich habe mich tatsächlich ganz gut "dran gewöhnt", bemerke es manchmal schon gar nicht mehr bewusst. Inzwischen sind es nicht mehr so viele Striche und Schlieren, aber ein deutlicher schwarzer "Blickpunkt" mit ein bisschen "drumrum" ist geblieben. Am meisten stört er mich beim Lesen, wenn er ständig hin und her über die weißen Seiten flitzt. Andererseits habe ich gelernt, bewusster hinzuschauen und das, was ich sehe, irgendwie intensiver wahrzunehmen, so dass der schwarze Punkt nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. (Ich nehme an, dass man auf ähnliche Weise - durch ganz bewusstes Hören - auch üben kann, ein Tinnitusgeräusch an den Rand der Wahrnehmung zu schieben). Ich stelle fest, dass mein kleiner "Blickpunkt" mich immer wieder daran erinnert, meine Umgebung achtsamer wahrzunehmen und mich am Sehenkönnen zu freuen. Weil der Fleck bei schnellen Augenbewegungen viel mehr "ins Auge fällt" als bei langsamen, erinnert er mich auch daran, weniger Hektik und mehr Ruhe in meine Bewegungen zu bringen. Das tut mir gut.
Aus diesem Blickwinkel hat der "Defekt" geradezu etwas Hilfreiches - und ich staune mal wieder, was sich das Leben so alles einfallen lässt... und wie wichtig es ist, sich alle Dinge, wo möglich, zum Besten dienen zu lassen.
Trotz des trüben Wetters (hier jedenfalls) wünsche ich euch ungetrübte Stunden und Tage - Let the sun shine in! :-)
Sonntag, 25. September 2016
Wie es weitergeht
Lange habe ich gewartet und gezögert mit dem Schreiben, wollte erst sehen, wie sich alles anlässt und ob es am Ende etwas Positives zu berichten gäbe. War so unsicher, ob es richtig ist, was ich tue - und so froh, eine Schwester zu haben, die mitdenkt und mitentscheidet und mit der ich mich einfach unglaublich gut verstehe.
Aber der Reihe nach.
Zwei Wochen nach diesem Eintrag war klar, dass es mit meinem Vater doch nicht so weitergehen konnte. Ich war ständig mit heftig wechselnden Stimmungen und immer wieder mit - oft erschreckenden - Halluzinationen konfrontiert und konnte kaum etwas tun, um ihn da rauszuholen (außer einmal, als er überall Flammen sah und sehr aufgeregt war: da war er zum Glück gerade gut zu Fuß und wir setzten uns ins Auto und fuhren eine Weile durch die Gegend...). Es war psychisch und physisch ein dauerndes Auf und Ab. Ich sah ein, dass es ohne ein geeignetes Medikament nicht besser werden würde, und das konnte nur in der Klinik ausprobiert werden.
Also kam mein Vater nun doch in die Gerontopsychiatrie im Weißenhof-Klinikum. Ich mache es kurz: diese Station war das Beste, was uns in diesem Stadium passieren konnte. Hell und so wohnlich, wie es eben unter diesen Umständen möglich ist, mit freundlichem, hilfsbereitem Pflegepersonal, das sich Mühe gab, auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen, und mit sehr gutem Essen (wichtig!!). Ich war jeden Tag einige Stunden dort und hätte nie gedacht, dass ich mich an einem solchen Ort so wohlfühlen würde - auch wenn die Sorge um meinen Vater groß war, aber er war hier am momentan richtigen Platz. Ich habe viel gelernt in diesen drei Wochen, worüber ich später mal noch mehr schreiben möchte. Und einige der Patienten sind mir mit ihrem auf je ganz eigene Weise sonderbaren Wesen ein bisschen ans Herz gewachsen...
Nach einer Woche wurde ich zum Arztgespräch gebeten und erfuhr, dass mein Vater nicht Alzheimer hat, sondern eine Lewy-Körperchen-Demenz. Diese Demenzform hat dieselben Ursachen wie Parkinson und es können auch ähnliche Symptome auftreten (die Verlangsamung der Bewegungen, die schwer beweglichen Finger waren ja schon zu sehen). Im übrigen hat er die typischen Symptome, und auch die Tatsache, dass er die bei Alzheimer üblichen Medikamente nicht verträgt, gehört zum Krankheitsbild. Ein einziges Medikament wirkt ganz gut (Quetiapin), indem es die Heftigkeit der Halluzinationen etwas mildert. Aber leider gibt es keine Möglichkeit, etwas gegen die nächtliche Unruhe zu tun. In der Klinik wurde mein Vater nachts fixiert (mit einem sog. "Kombifix", der Hände und Füße freilässt). Der Arzt sagte, ich solle es mir gut überlegen, ob ich es unter diesen Umständen wirklich mit häuslicher Pflege versuchen wolle - er kenne keinen solchen Fall bei dieser Diagnose.
Meine Schwester und ich haben alle Möglichkeiten durchgesprochen. Der springende Punkt war letztlich die Tatsache, dass es wegen der Nächte nicht gehen würde. Auch mit Fixierung (was ich sehr ungern getan hätte) muss man regelmäßig nach dem Patienten schauen. Und ohne hätte ich weiterhin neben ihm schlafen und ebenfalls mehrmals pro Nacht aufstehen müssen.
Es grenzt an ein Wunder, dass wir in dieser Situation ganz kurzfristig nicht nur einen Pflegeplatz bekamen, sondern dass dieser auch in einem der drei Häuser ist, auf die ich für diesen Fall gehofft hatte. Mein Vater ist dort auf einer geschlossenen Station, es geht ihm - nun ja, gut wäre nicht das richtige Wort, aber besser als wir zu hoffen gewagt hätten. Er wird nicht fixiert, worüber er froh ist. Die Sturzgefahr ist natürlich da, aber es gibt dort keine Treppen und Stolperfallen wie zu Hause, weglaufen geht auch nicht, und die Nachtwache schaut oft herein. Mit dem Eingewöhnen wird es noch dauern, aber wir haben jetzt einen Rollstuhl bekommen, so dass wir raus in den Park gehen können und demnächst auch mal hierher nach Hause (ob er es wiedererkennt? ich bin gespannt). Als ich mich heute abend verabschiedete: Ade, Papa, ich gehe jetzt heim! fragte er: Heim... wohin?
Heimgehen dürfen - das wünschen sie sich, glaube ich, alle.
Dienstag, 26. Juli 2016
Rosa
"Ich lerne viel", habe ich in einem der letzten Posts geschrieben. Das ist kein Wunder, wenn man täglich intensiv mit einer neuen Situation umgehen, auf ständig wechselnde und unvorhersehbare Ereignisse und Stimmungen reagieren muss und dabei erst allmählich herausfindet, wie das alles zusammenhängt und zustandekommt. Welches Verhalten welche Reaktion hervorruft. Wie die veränderte, verfremdete Wahrnehmung eines eigentlich vertrauten Menschen die ganze Kommunikation mit ihm verändert.
Manchmal geschieht allerdings doch so etwas wie ein kleines Wunder, das ein ganz neues Licht auf den mühsamen Alltag mit einem Menschen wirft, der aus der Normalität und aus seiner Vertrautheit mit seinem Leben herausgefallen und dadurch zutiefst verunsichert und deprimiert ist. Ein kleines Wunder, das zeigt, wie viel seelische Kreativität trotz des unaufhaltsamen Verfalls noch in ihm steckt.
Es hat ja eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass es gar nichts hilft, einem dementen Menschen seine irrealen Vorstellungen ausreden oder ihm gar das Gegenteil beweisen zu wollen. Ein kleines Beispiel:
"Wo sind wir hier eigentlich? Ich will endlich wieder nach Hause!"
"Papa, das ist doch unser eigenes Haus!"
"Ach was, so ein Blödsinn! Das ist doch nicht mein Haus!"
"Schau mal, da sind doch deine Möbel - deine Bücher - deine Bilder..."
"Ja, das finde ich also schon empörend, dass die das alles geklaut haben!"
(Ich überspringe einen Teil des sinnlosen Dialogs-)
"Papa, weißt du was? Wir gehen jetzt mal zur Haustür und schauen, was auf dem Klingelschild steht. Da steht doch immer der Name von den Leuten, denen das Haus gehört."
"Ja, gut, das machen wir."
Wir gehen hin und lesen, was auf dem Schild steht.
"Schau, Papa: das ist dein Name. Und das da ist meiner."
"Schau, Papa: das ist dein Name. Und das da ist meiner."
Kurze Pause. Dann Entrüstung: "Also - das ist aber wirklich allerhand...!!!"
Was in dieser Szene eher humoristisch wirkt, führte in anderen Fällen oft zu richtigem Streit. Er bestand darauf, dass ich über irgendwelche Dinge Bescheid wissen müsse, die er geträumt oder halluziniert hatte. "Aber du warst doch selbst dabei!" Wenn ich dann beteuerte, ich wisse davon nichts, dachte er, ich verschweige ihm etwas. Ich habe viel zu lange nicht kapiert, dass ich diese Konfrontationen nicht gewinnen kann und dass mein Vater daraus nur den Schluss zog, dass ich gegen ihn sei.
Wieder einmal war ich in so eine "Falle" getappt und wir waren beide erschöpft von einem längeren Wortwechsel. Plötzlich schaute er mich aufmerksam an und sagte: "Wer sind Sie denn?" Ich dachte: o je, jetzt fängt das an, dass er mich nicht mehr kennt! Während ich noch verwirrt schwieg und überlegte, was ich sagen sollte, fragte er: "Kennen Sie meine Tochter? Die Brigitte?" - "Ähm- ja, die kenne ich..." - "Das ist eine ganz Schlimme, wissen Sie. Die ist immer so von oben herab, eiskalt, kommandiert mich ständig rum... gerade war sie noch da!"
Es entspann sich ein Gespräch, in dem ich versuchte, mitzuspielen, ohne geradezu lügen zu müssen. Es war aber gar nicht so schwierig, es hatte wirklich was von einem Spiel, obwohl mein Vater es sichtlich ganz ernst nahm. Die vorherige Aufregung war ganz weg, auch ich war erleichtert und froh über die Rolle, die er mir so unverhofft zugedacht hatte. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa, er war sehr zutraulich und lieb und erzählte mir aus seinem Leben. Freute sich, als ich auf seine Frage antwortete, dass ich seine Frau gut gekannt habe. Er ging bald zum Du über, was es mir leichter machte. Schließlich die Frage, wo ich denn wohne? - "Ich... also ich wohne hier im Haus." Große Verwunderung: "Wenn man das früher gewusst hätte - da hätte man ja alles mögliche zusammen machen können... Das ist aber schade!"
Schließlich wurde er müde und wollte sich hinlegen. Als ich ihn zum Bett begleitete, drehte er sich plötzlich zu mir um und sagte: "Wo ist sie denn hin?" - "Wer denn, Papa?" - "Na, die - die gerade hier war - hast du sie nicht gesehen?" - "Mhmm - nein, ich glaube nicht...". Er schaute sich im Zimmer um und rief: "Rosa! Roosaa - jetzt ist sie nicht mehr da!" - Ich, ehrlich überrascht: "Ach, Rosa heißt sie?" Er nickte. Ich sagte: "Die kommt bestimmt mal wieder." Dann legte er sich hin und schlief ein.
Und ich, ich war wie - verzaubert. Ich konnte nur staunen: Wie er uns aus der verfahrenen Situation herausgeholt hatte, bestimmt ganz unbewusst, aber mit traumwandlerischer Sicherheit. Wie er es fertiggebracht hatte, mich so zu "verwandeln", dass er mich wieder mögen konnte. Mehr noch: Er hatte mir gezeigt, wie er mich brauchte. Er hatte mir beigebracht, wie man mit ihm umgehen muss. Er hatte mich gelehrt, was wirklich wichtig ist, nämlich dass ich ihn so sein lasse, wie er jetzt nun mal ist, und nicht versuche, ihn zu belehren über eine Welt, die ihm fremd geworden ist.
Und nun versuche ich eben, etwas mehr "Rosa" zu werden. Sie gefällt mir gut, muss ich sagen! Brigitte spricht schnell und bewegt sich rasch - Rosa redet ziemlich langsam und fast ein bisschen fragend, und ihre Bewegungen sind ruhig und sachte. Die "Hoppla-jetzt komm-ich" - Art, welche Brigitte leider manchmal an sich hat, ist ihr ganz fremd. Wo Brigitte in gewissen Situationen hektisch ruft: "Neiiin, Papa, doch nicht hier!!!", bleibt Rosa ganz gelassen und holt den Wischlappen. Und anstatt irrationale Aussagen zu kommentieren, macht sie oft nur "mmmhhh..." oder "aha!" oder "o je!".
Das Beste ist, dass ich mich gar nicht so sehr verstellen muss, um "Rosa" zu sein. Sie ist ja eigentlich schon in mir drin, ich muss ihr nur öfter die Führung überlassen. Sie tut mir gut, die Rosa, und ich betrachte sie mittlerweile als ein sehr gelungenes Geschenk meines Vaters - auch wenn er sie inzwischen schon wieder vergessen hat.
Freitag, 22. Juli 2016
Nicht nach Plan
Ich tue jetzt etwas, was ich noch nie getan habe und wohl auch nicht wieder tun werde: ich stelle einen Brief, den ich geschrieben habe, fast wörtlich in den Blog. Es ist ein Brief an unseren Doc, und er ist nicht anders formuliert als ein ausführlicher Blogpost es wäre.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.
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Freitag, 22.7.2016
Lieber Herr ... (unser geschätzter Hausarzt),
ich
mach's schriftlich, dann können Sie es lesen, wenn Sie gerade Zeit
dazu haben und keine Patienten deswegen warten müssen.
Am
Dienstag war ich bei Ihnen, ziemlich verzweifelt wegen mehrerer
durchwachter Nächte, und Sie haben für meinen Vater den Termin im
Weißenhof gebucht. Außerdem sagten Sie, ich solle doch jetzt einmal
dieses Schlafmittel (Zopiclon) geben und schauen, ob das nicht hilft.
Ich habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt. Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war dann wieder längere Zeit ruhig.
Morgens gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen (~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel zu wenig getrunken.
Zwischen 21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen, Toilette, Frühstück. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung, möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache.
Ich habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt. Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war dann wieder längere Zeit ruhig.
Morgens gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen (~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel zu wenig getrunken.
Zwischen 21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen, Toilette, Frühstück. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung, möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache.
Dazu kam, dass ich am Abend zuvor einen Anruf von
einer Kollegin bekommen hatte wegen einer ganz anderen Sache, nur
zufällig kamen wir auf meinen Vater zu sprechen. Sie hatte ihre
Schwiegermutter betreut, während diese zur med. Einstellung in
Weinsberg gewesen war, und sagte, dass die Station immer sehr voll
belegt und das Personal am Rande der Überforderung gewesen sei. Sie
hat viel mitgeholfen und auch als einzige bemerkt, dass die
Schwiegermutter nach einem Sturz aus dem Bett Schmerzen hatte, die
Pflegerinnen meinten, das gehe bald vorbei. Meine Kollegin
veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der Oberschenkel
gebrochen war.
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet), obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen. (Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet ist).
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente, ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe, beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum bekommen.
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet), obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen. (Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet ist).
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente, ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe, beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum bekommen.
Nun
werde ich sehen, wie es übers Wochenende geht. Falls Sie in der
nächsten Woche ein kleines „Zeitfenster“ offen haben, wäre ich
froh, wenn Sie mal bei uns hereinschauen könnten. Einfach, um den
Allgemeinzustand zu beurteilen (z.B. evtl. Austrocknung und die immer
noch nicht ganz verheilte Kopfwunde, die er sich leider nachts
aufgekratzt hat).
Vielen
Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße,
Ihre Brigitte ...(amselgesang)
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Bei den Pflegeheimen geht nichts unter einem halben Jahr, deshalb die Voranmeldung. Man wird benachrichtigt, wenn ein Zimmer frei wird, und kann dann entscheiden. Für uns ist es eine Absicherung, falls es mit der Pflege hier im Haus zu schwierig wird. Der heutige Tag verlief übrigens ruhig. Ich lerne ständig dazu.
Dienstag, 19. Juli 2016
Wechselbäder
Erst einmal möchte ich allen, die mir per Kommentar oder Mail ihre Anteilnahme gezeigt oder auch still mitgelesen und -gefühlt haben, ganz herzlich danken. Auch das gelegentliche Lesen in euren Blogs hat in den letzten Tagen und Wochen so manches Mal dazu beigetragen, dass die Decke blieb, wo sie hingehört, und mir nicht allzu sehr auf den Kopf gefallen ist. Ohne meinen Mann wäre ich aufgeschmissen, ohne den Sohn würde ich weniger lachen, und ohne euch wäre die Welt um einiges "enger", wenn ihr wisst, was ich meine.
Ihr ermahnt mich, auch an mich selber zu denken. Ich weiß wohl, wie wichtig das ist, und gönne mir (oder: mein Mann gönnt mir) immer wieder kleine Auszeiten, z.B. fürs Freibad: abends mit dem Rad hin, ein halbe Stunde lang immer eine Bahn Brust, eine Rücken - dann spüre ich den Sommer auf der Haut und fühl mich stark.
Anders als im Freibad waren bis jetzt zu Hause eher Wechselbäder an der Tagesordnung. Einerseits, was das Befinden meines Vaters betrifft - wenn ich es in einer Kurve darstellen sollte, würde es gewissen Börsenkursen ähneln: immer auf und ab, aber leider insgesamt eher nach unten weisend.
Andererseits auch tägliche Stimmungs - Wechselbäder: ruhige und aufgeregte Phasen, Bitte um Hilfe und heftiger Widerstand gegen "Bevormundung", still-melancholische Zwiegespräche und Anfälle von Misstrauen mit schlimmen Vorwürfen und Beschimpfungen, Wortschwälle und Sprachverwirrung wechseln in völlig unvorhersehbarer Folge.
Dazwischen Lichtblicke: Kleine, sehr langsame Spaziergänge, Kirschen essen auf der Terrasse, unverhoffte, unbeholfene Zärtlichkeiten: ein Händedruck, ein Knietätscheln.
Verschlossene Türen wie z.B. die zum Keller (ach, hätte ich sie doch in jener schlimmen Nacht auch abgeschlossen!) lösen großen Ärger aus. Die Wirklichkeit wird immer mehr von Traumbildern und - teils verzerrten - Erinnerungen überlagert.
Und leider wird die Nacht immer mehr zum Tage. Der Hausarzt ließ uns ein Neuroleptikum ausprobieren, das Wahnvorstellungen und psychotischen Zuständen entgegenwirken soll. Es ist sicher ein bewährtes Mittel, aber was im Beipackzettel als mögliche unerwünschte Wirkung steht, trat prompt ein: es wirkte genau entgegengesetzt, und eine solche Nacht möchte ich nie wieder erleben!
Ein Beruhigungsmittel tat dagegen seine Wirkung in einer Situation gestern, als ich ihn am Hinauslaufen auf die Straße (ohne Kleider!) hindern musste, was nicht ohne Handgreiflichkeit zu machen war und ziemliche Aggressionen auslöste. Als die Wirkung abends nachließ und wieder große Unruhe auftrat, gab ich ihm noch eine Dosis, was bewirkte, dass er zwar nachts zu schwach und gedämpft war, um übers Bettgitter steigen zu können. Er hat es aber die ganze Nacht lang versucht... Und er war immer noch stark genug, um meine Bemühungen, ihm wieder zu einer Längs- statt Querlage im Bett zu verhelfen, scheitern zu lassen.
Heute morgen war er total übermüdet, konnte aber dennoch nicht einschlafen, weil die motorische Unruhe nicht nachließ. Er lief herum trotz Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen, sodass man immer nebenherlaufen musste. Die Sprache war ein kaum verständliches, wirres Murmeln. Ich war am Ende meiner Kräfte, gab ihm in meiner Verzweiflung eine halbe Schlaftablette, überließ meinem Mann die Bewachung und bat den Hausarzt um ein Gespräch. Er sagte dasselbe, was meine Schwester schon zuvor am Telefon gesagt hatte: zumindest im Moment geht es so nicht mehr weiter. Zu Hause. Sein Rat war, in der gerontopsychiatrischen Abteilung des hiesigen psychiatr. Klinikums stationär eine medikamentöse Einstellung vornehmen zu lassen. Er versicherte mir, dass man tagsüber jederzeit Besuche machen kann, was ganz wichtig für meinen Vater ist, denn diese ungewohnte Umgebung wird ihm, zumindest am Anfang, große Angst einjagen, wie ich aus Erfahrung weiß.
Am Donnerstag ist es soweit, und wenn ich daran denke, werde ich ganz zittrig. Der Kopf weiß, dass es sein muss, aber das Herz - ihr wisst schon. Das Ganze kann mehrere Wochen dauern.
Am Donnerstag ist es soweit, und wenn ich daran denke, werde ich ganz zittrig. Der Kopf weiß, dass es sein muss, aber das Herz - ihr wisst schon. Das Ganze kann mehrere Wochen dauern.
Heute abend werde ich ihm nun doch ein Schlafmittel geben. Ich nehme an, dass das wirkt, ich hätte es allerdings gerne vermieden, zumal solche Medikamente ohnehin nicht für eine längerfristige Behandlung geeignet sind. Aber ich muss einfach selber mal wieder durchschlafen. Ich hoffe, dass es gutgeht und die Nebenwirkungen nicht zu massiv sind. Es ist nach wie vor ein schlimmes Gefühl für mich, das arme, geschundene Gehirn meines Vaters diesen chemischen Stoffen auszusetzen, die irgendwas mit ihm machen und ihn nicht "er selber" sein lassen. Aber es geht nicht anders, und ich hoffe nur, dass ihm in den nächsten Wochen geholfen werden kann, um wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Ob nun zu Hause oder in einem Heim... ach ja, vielleicht geht auch das nicht anders.
Vielleicht aber doch.
Stand der Dinge kurz vor Mitternacht: Ich habe ihm die Tablette um 19.15 Uhr gegeben. Bis jetzt ist nicht an Schlaf zu denken. Er bekommt die Augen nicht zu (aber auch nicht richtig auf), ist bis 22 Uhr schwankend und wackelig durch die Wohnung getigert, ließ sich nicht stoppen, liegt jetzt alles andere als entspannt, sondern mit einer "zwanghaften" Bewegungsunruhe im Bett und redet mit schwerer Zunge alles mögliche, wovon das Wenigste zu verstehen ist. Von Zeit zu Zeit antworte ich in beruhigendem Ton etwas halbwegs passend Scheinendes. Ob wohl noch ein paar Mützen Schlaf drin sind heute nacht...??
Stand der Dinge kurz vor Mitternacht: Ich habe ihm die Tablette um 19.15 Uhr gegeben. Bis jetzt ist nicht an Schlaf zu denken. Er bekommt die Augen nicht zu (aber auch nicht richtig auf), ist bis 22 Uhr schwankend und wackelig durch die Wohnung getigert, ließ sich nicht stoppen, liegt jetzt alles andere als entspannt, sondern mit einer "zwanghaften" Bewegungsunruhe im Bett und redet mit schwerer Zunge alles mögliche, wovon das Wenigste zu verstehen ist. Von Zeit zu Zeit antworte ich in beruhigendem Ton etwas halbwegs passend Scheinendes. Ob wohl noch ein paar Mützen Schlaf drin sind heute nacht...??
Mittwoch, 6. Juli 2016
Unruhenächte
Gestern habe ich unter dieser Überschrift einen ellenlangen Post-Entwurf geschrieben, d.h. er wurde immer länger und länger, obwohl ich das gar nicht vorgehabt hatte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das kein blog-geeigneter Text wird - und umso hemmungsloser weitergeschrieben. Als "Entwurf" bleibt er hier gespeichert, aber da mein Blog nicht nur ein privates Tagebuch ist und ich nun schon angefangen habe, meine Erfahrungen mit der Krankheit meines Vaters ein Stück weit hier zu teilen, möchte ich dies auch weiterhin tun. Und ich werde es eher sachlich tun, denn meine Gefühle fahren zur Zeit oft Achterbahn, und es ist mir unmöglich, sie zugleich authentisch und doch im formalen Rahmen eines normalen Blogeintrags in Worte zu fassen ("Pünktchen", das kannst du besser als ich...!). Vielleicht könnt ihr zwischen den Zeilen etwas davon lesen.
So
ruhig die Tage meist sind - zumindest die Vormittage, denn da schläft
mein Vater nach der Morgentoilette und einem kleinen Frühstück im
allgemeinen bis zum Mittagessen und danach auch nochmal eine Runde -,
so unruhig sind derzeit die Nächte. Leider.
Seit mein Vater vor gut sechs Wochen aus der Klinik entlassen wurde, habe ich jede Nacht unten bei ihm, im Nebenzimmer, geschlafen, mit offener Türe und "Hasenohren" (wie damals mit den kleinen Kindern...). Solange er noch zu schwach war, um selbständig aufzustehen, und überhaupt sehr, sehr müde, hatte er einen Schlafrhythmus wie ein Säugling: drei, vier Stunden schlafen, aufwachen, rufen, etwas trinken und evtl. eine Kleinigkeit essen, weiterschlafen. Im Schlaf erlebt er allerdings immer aufregende, teils auch wirklich schreckliche Dinge, die er nicht von der Wirklichkeit unterscheiden kann und dann erzählen und besprechen muss. Ganz schwierig wird es, wenn er von mir verlangt, mich z.B. um "die armen verletzten Menschen" zu kümmern - und wenn ich dann versuche ihm zu erklären, dass da keine verletzten Menschen sind, wird er sehr ärgerlich und macht mir schwere Vorwürfe... Das hieß anfangs, ein oder zwei Mal in der Nacht aufstehen und sich dem stellen, versuchen zu beruhigen. Dann kamen zwei Wochen mit ruhigeren Nächten, mit einem oder sogar keinem Aufwachen und leichtem Wiedereinschlafen, sehr regelmäßig. Ich dachte schon, jetzt könnte ich mit einer "Überwachung" per Babyphon beginnen und so auch mal wieder ins eigene Bett kommen (dass auch "Herr Amselgesang" sich darüber gefreut hätte, brauche ich wohl nicht extra zu sagen). :-)
Seit mein Vater vor gut sechs Wochen aus der Klinik entlassen wurde, habe ich jede Nacht unten bei ihm, im Nebenzimmer, geschlafen, mit offener Türe und "Hasenohren" (wie damals mit den kleinen Kindern...). Solange er noch zu schwach war, um selbständig aufzustehen, und überhaupt sehr, sehr müde, hatte er einen Schlafrhythmus wie ein Säugling: drei, vier Stunden schlafen, aufwachen, rufen, etwas trinken und evtl. eine Kleinigkeit essen, weiterschlafen. Im Schlaf erlebt er allerdings immer aufregende, teils auch wirklich schreckliche Dinge, die er nicht von der Wirklichkeit unterscheiden kann und dann erzählen und besprechen muss. Ganz schwierig wird es, wenn er von mir verlangt, mich z.B. um "die armen verletzten Menschen" zu kümmern - und wenn ich dann versuche ihm zu erklären, dass da keine verletzten Menschen sind, wird er sehr ärgerlich und macht mir schwere Vorwürfe... Das hieß anfangs, ein oder zwei Mal in der Nacht aufstehen und sich dem stellen, versuchen zu beruhigen. Dann kamen zwei Wochen mit ruhigeren Nächten, mit einem oder sogar keinem Aufwachen und leichtem Wiedereinschlafen, sehr regelmäßig. Ich dachte schon, jetzt könnte ich mit einer "Überwachung" per Babyphon beginnen und so auch mal wieder ins eigene Bett kommen (dass auch "Herr Amselgesang" sich darüber gefreut hätte, brauche ich wohl nicht extra zu sagen). :-)
Mit zunehmender Beweglichkeit (in engem Rahmen, aber immerhin) wuchs aber auch die nächtliche Unruhe - wohlgemerkt, nur nachts. Tagsüber schläft er immer noch vom Frühstück bis zum Mittagessen und dann nochmal ein, zwei Stunden. Dann werden die Intervalle kürzer, und mein "Wachhalteprogramm" beginnt: eine halbe Stunde auf der Terrasse sitzen, am Tisch beim Johannisbeeren-Abzupfen helfen, Apfelschnitze oder Kirschen essen, ein bisschen reden... alles macht ihn bald müde, und er will wieder liegen und dösen. Spätestens um halb zehn geht er dann "richtig" ins Bett und schläft bis irgendwann nach Mitternacht. Dann ist Schluss mit Schlafen - er ist wach. SEHR WACH! Und meist total daneben, verwirrt, ärgerlich, will aus dem Bett (und tut es auch, sogar übers Bettgitter), streitet mit mir, kommentiert meinen dringenden Wunsch, dass ich jetzt aber schlafen will, mit "Ach was, immer nur schlafen, schlafen! Hast du nichts zu tun?" und so weiter.
In dieser Situation kann es mir trotz allen Mitleids und aller inzwischen erworbenen Übung im Gelassenbleiben passieren, das mir der Kragen platzt. Einfach aus Müdigkeit, aus Ratlosigkeit und der Einsicht, dass ich überhaupt nichts tun kann, um diese Phase schneller zu beenden - er ist dann ganz in seiner eigenen Welt und kann nicht raus. Und ich nicht rein. Ich kann nur seufzend und augenreibend warten, bis es sich von selber beruhigt. Und dann versuchen, wieder einzuschlafen - wenn nicht noch mehr Unterbrechungen kommen, geht das.
Mir ist inzwischen klar, dass man einen körperlich und geistig gebrechlichen alten Menschen nur zu zweit zuhause pflegen kann, alleine wäre es vollkommen unmöglich. Solange jemand total bettlägerig ist und gar nicht aufstehen kann, mag es gehen - da ist zwar die Körperpflege anstrengender, aber man hat doch die Sicherheit, dass nicht viel passieren kann, wenn man sich mal für eine Weile entfernt. Wenn ein dementer Mensch aber in der Lage ist, aus dem Bett zu steigen und (wackelig) herumzulaufen, zugleich jedoch keinerlei Gefühl hat für das, was ihm passieren kann, dann braucht die Betreuung mindestens zwei Personen. Wenn nicht mein Mann in Haus und Garten und auch beim Aufpassen auf den Schwiegervater so tatkräftig mit anpacken würde, könnten wir meinen Vater nicht hier behalten. Und wie lange wir es so schaffen, muss man noch abwarten - vor allem im Blick auf die Nächte.
Die bunten Muster entstanden beim Spielen mit Holzklötzchen, die in wunderschönen leuchtenden Farben lackiert sind und meinem Papa gehören. Ich wollte ihn gerne animieren, sich ein wenig damit zu beschäftigen, aber er hatte kein Interesse. Nachdem ich mehrere Muster in der Art der ersten drei Fotos gelegt hatte, meinte er: "Mach doch mal was Zentrales. Einen Stern oder so." Ich sagte listig: "Ob das überhaupt geht? Ich glaube nicht." Später sah ich ihn dann doch die Klötzchen sortieren - das Ergebnis sieht man auf dem letzten Bild. Ein Stern ist es nicht geworden, und es hat mich schon ein bisschen erschüttert, dass er es nicht schaffte, auch nur ansatzweise eine "Ordnung" hineinzubringen. Das mag nebensächlich erscheinen, aber wenn ihr meinen Vater kennen würdet, wüsstet ihr, dass es bei ihm nie ohne irgendein System, ein Gestaltungsprinzip abgehen würde, wäre er gesund. Schön ist es trotzdem, eigentlich viel schöner als meine braven Musterchen - erinnert ein bisschen an Paul Klee - , schön ist vor allem, dass er es überhaupt probiert hat (leider nur einmal).
Samstag, 18. Juni 2016
Ruhetag
Nicht jeder Tag kann ein Enkel- und Spieletag sein.
Wir nehmen es, wie es kommt, und freuen uns an den einfachen Dingen, wie z.B. eine Viertelstunde auf der kleinen Terrasse vor seinem Wohnzimmer zu sitzen.
"Sollte man nicht ein Gitter an den Gartenteich machen, zur Sicherheit?"
"Aber Papa, wir fallen da bestimmt nicht rein!"
"Das kannst du nie wissen."
"Ihr seid doch auch ohne Gitter zurechtgekommen, wir schaffen das auch."
"Aber für die Kinder ist es gefährlich!"
"Die Kinder sind auch schon groß, die passen selber auf."
"Ich weiß nicht... wenn du meinst..."
Er macht sich furchtbar viele Sorgen, überall im und ums Haus lauern Gefahren, vor denen er uns nicht mehr bewahren kann...
"Dann müsst ihr halt sehen, wie ihr zurechtkommt, wenn ich nicht mehr da bin."
"Papa, wir sind ja auch schon sehr erwachsen - ich werde nächstes Jahr sechzig, denk mal!"
"Ich weiß nicht... " (zweifelnder Blick).
Ach ja.
Freitag, 17. Juni 2016
Enkelpower
Die beiden Enkeltöchter kommen zu Besuch und bringen fertig, was ich in den letzten Tagen nicht geschafft habe und, zumindest momentan, nicht für möglich gehalten hätte: die großväterlichen Lebensgeister soweit zu wecken, dass er Lust auf Mensch-ärgere-dich-nicht bekommt! Und sogar gewinnt!!
Danach war er ziemlich erschöpft, aber ich hoffe doch, dass es ihm gut genug getan hat, um es in Erinnerung zu behalten. Und sollte er es morgen doch vergessen haben (was gut möglich ist), habe ich ja noch dieses Beweisfoto...!
Montag, 6. Juni 2016
Zwölf Tage
Ein paar Worte voraus:
Nach einer unfreiwilligen, durch Unvorhersehbares verursachten Pause (wenn auch nur von 12 Tagen) wieder mit dem Schreiben anzufangen, um die Ereignisse nachträglich festzuhalten, ist gar nicht so einfach. Wo fange ich an, was erzähle ich und was gehört nicht in die Blogöffentlichkeit? Schon damals habe ich z.B. lange gezögert, bevor ich über meinen Vater geschrieben habe. Es ist mir aber doch wichtig, Familiäres und Persönliches nicht ganz auszuklammern, und ich versuche mit der gebotenen Behutsamkeit, meine Erlebnisse in Worte zu fassen. Dieser Blog ist für mich eben auch ein Tagebuch - kein sehr intimes, aber auch nicht nur eine Sammlung von Anekdoten oder Urlaubsbildern.
Nach einer unfreiwilligen, durch Unvorhersehbares verursachten Pause (wenn auch nur von 12 Tagen) wieder mit dem Schreiben anzufangen, um die Ereignisse nachträglich festzuhalten, ist gar nicht so einfach. Wo fange ich an, was erzähle ich und was gehört nicht in die Blogöffentlichkeit? Schon damals habe ich z.B. lange gezögert, bevor ich über meinen Vater geschrieben habe. Es ist mir aber doch wichtig, Familiäres und Persönliches nicht ganz auszuklammern, und ich versuche mit der gebotenen Behutsamkeit, meine Erlebnisse in Worte zu fassen. Dieser Blog ist für mich eben auch ein Tagebuch - kein sehr intimes, aber auch nicht nur eine Sammlung von Anekdoten oder Urlaubsbildern.
Wie wertvoll dieses Tagebuch für mich ist, wurde mir so recht bewusst, als im letzten Jahr die Festplatte meines Laptops kaputtging, mit den Fotos der letzten sieben oder acht Jahre drauf. Zwar habe ich lange Zeit analog fotografiert und deshalb so viele Kinder- und Familienfotos auf Papier, dass die verlorenen digitalen aus einigen Jahren zu verschmerzen sind. Aber wie froh war ich, als mir klar wurde, dass viele dieser Fotos und die damit verbundenen Erinnerungen ja im Blog "aufbewahrt" sind, zusammen mit Berichten über besondere und vor allem über Alltags-Erlebnisse. Ich habe mit großem Genuss und viel Freude meine alten Einträge gelesen und gedacht: Wie gut, wie wunderbar, dass ich rechtzeitig damit angefangen habe! Und nicht nur, aber auch aus diesem Grund werde ich auch weiterhin manches von dem, "was sich begibt", hier aufbewahren.
Nun also, was hat sich begeben?
Vor zwölf Tagen ist mein Vater nachts im Stockdunklen auf der Kellertreppe gestürzt. Er muss wohl aufgewacht, in völlig desorientiertem Zustand dorthin geraten und die letzten paar Stufen hinuntergefallen sein. Kein Schrei, kein Hilferuf. Wenn der große Sohn, der eben zu Besuch war, nicht noch wach gewesen wäre und den Plumps gehört hätte... ich mag es mir gar nicht vorstellen.
Der Rettungswagen war schnell da (auch wenn es mir furchtbar lang vorkam), mein Papa war die ganze Zeit ansprechbar und in der Lage, auf Fragen nach Name, Adresse und Geburtstag zu antworten. Nur wo er sich befinde und wie er dahin gekommen sei, konnte er nicht sagen. Auf dem Kopf hatte er eine große Platzwunde, die heftig blutete. Nach den Untersuchungen in der Klinik stand fest, dass er sich wunderbarerweise nichts gebrochen hatte und äußerlich mit heftigen Prellungen davongekommen war. Im CT zeigten sich allerdings kleine Hirnblutungen, die weiter beobachtet werden sollten.
Es folgte eine Woche im Krankenhaus, die für ihn kaum zu ertragen und für mich deshalb sehr anstrengend war. Die Klinik kann nichts dafür, ich bin dort - mit einer einzigen Ausnahme - nur freundlichen, hilfs- und auskunftsbereiten, aufmerksamen Ärzten, Ärztinnen, Schwestern und Pflegern begegnet. Aber für meinen Vater war ein Krankenhausaufenthalt schon im letzten Jahr (als er noch besser beieinander war) der reine Horror. Für ihn ist es in dieser unvertrauten Umgebung, mit all den fremden Menschen, dem ungewohnten Tagesablauf usw., als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Und nun war er durch die Blutungen und Schmerzmittel benommen und verwirrt, aß und trank fast nichts, war niedergeschlagen oder apathisch, hatte dazwischen aber auch immer wieder äußerst unruhige Phasen, wo er völlig den Kontakt zur Wirklichkeit verlor, aus dem Bett steigen wollte, um sich schlug und verzweifelt gegen das Festgehaltenwerden kämpfte. Er tat mir so furchtbar leid. Ich war froh, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und bleiben konnte, und fuhr nur immer wieder für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Die Nachtschwester versorgte mich netterweise mit Kaffee und einem bequemen Polster-Rollstuhl...
Es war anstrengend, ja, aber es gab in diesen Tagen und Nächten auch Momente, die ich nicht missen möchte. Eine kostbare Nachtstunde, gegen Morgen, wo er ganz klar war und leise alles vor sich hin sagte, was ihm wichtig war im Blick auf seinen Tod. Vom Text für die Beerdigung bis zu Erinnerungen an manches aus der Vergangenheit, was ihn belastet hatte oder noch beschäftigte. Ich dachte schon: jetzt ist es soweit... aber dem war nicht so. Er hatte am nächsten Tag keine Erinnerung mehr an dieses nächtliche Gespräch, aber ich werde es nicht vergessen.
Nun also, was hat sich begeben?
Vor zwölf Tagen ist mein Vater nachts im Stockdunklen auf der Kellertreppe gestürzt. Er muss wohl aufgewacht, in völlig desorientiertem Zustand dorthin geraten und die letzten paar Stufen hinuntergefallen sein. Kein Schrei, kein Hilferuf. Wenn der große Sohn, der eben zu Besuch war, nicht noch wach gewesen wäre und den Plumps gehört hätte... ich mag es mir gar nicht vorstellen.
Der Rettungswagen war schnell da (auch wenn es mir furchtbar lang vorkam), mein Papa war die ganze Zeit ansprechbar und in der Lage, auf Fragen nach Name, Adresse und Geburtstag zu antworten. Nur wo er sich befinde und wie er dahin gekommen sei, konnte er nicht sagen. Auf dem Kopf hatte er eine große Platzwunde, die heftig blutete. Nach den Untersuchungen in der Klinik stand fest, dass er sich wunderbarerweise nichts gebrochen hatte und äußerlich mit heftigen Prellungen davongekommen war. Im CT zeigten sich allerdings kleine Hirnblutungen, die weiter beobachtet werden sollten.
Es folgte eine Woche im Krankenhaus, die für ihn kaum zu ertragen und für mich deshalb sehr anstrengend war. Die Klinik kann nichts dafür, ich bin dort - mit einer einzigen Ausnahme - nur freundlichen, hilfs- und auskunftsbereiten, aufmerksamen Ärzten, Ärztinnen, Schwestern und Pflegern begegnet. Aber für meinen Vater war ein Krankenhausaufenthalt schon im letzten Jahr (als er noch besser beieinander war) der reine Horror. Für ihn ist es in dieser unvertrauten Umgebung, mit all den fremden Menschen, dem ungewohnten Tagesablauf usw., als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Und nun war er durch die Blutungen und Schmerzmittel benommen und verwirrt, aß und trank fast nichts, war niedergeschlagen oder apathisch, hatte dazwischen aber auch immer wieder äußerst unruhige Phasen, wo er völlig den Kontakt zur Wirklichkeit verlor, aus dem Bett steigen wollte, um sich schlug und verzweifelt gegen das Festgehaltenwerden kämpfte. Er tat mir so furchtbar leid. Ich war froh, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und bleiben konnte, und fuhr nur immer wieder für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Die Nachtschwester versorgte mich netterweise mit Kaffee und einem bequemen Polster-Rollstuhl...
Es war anstrengend, ja, aber es gab in diesen Tagen und Nächten auch Momente, die ich nicht missen möchte. Eine kostbare Nachtstunde, gegen Morgen, wo er ganz klar war und leise alles vor sich hin sagte, was ihm wichtig war im Blick auf seinen Tod. Vom Text für die Beerdigung bis zu Erinnerungen an manches aus der Vergangenheit, was ihn belastet hatte oder noch beschäftigte. Ich dachte schon: jetzt ist es soweit... aber dem war nicht so. Er hatte am nächsten Tag keine Erinnerung mehr an dieses nächtliche Gespräch, aber ich werde es nicht vergessen.
Da mein Vater klar geäußert hatte, dass er im Ernstfall keine intensivmedizinischen Lebenserhaltungsmaßnahmen wünscht, und auch eine entsprechende Patientenverfügung hat, wurde er nach einer Woche entlassen. Nun liegt er hier in einem Pflegebett, kann sich wegen Rückenschmerzen noch wenig bewegen und wir üben täglich das Aufstehen mit Hilfe. Wie ich meinen sportlichen Vater kenne, traue ich ihm zu, wieder auf die Beine zu kommen, wenn auch sicher langsam. Das größere Problem ist die geistige Verfassung, die ihm und uns gerade sehr zu schaffen macht. Ich kann mir kaum vorstellen, das sich das wieder wesentlich bessert, aber da ich ja schon einmal erlebt habe, wie er sich nach einem - auch geistigen - Zusammenbruch wieder ins Leben zurückgekämpft hat, wenn auch in ein sehr eingeschränktes, gebe ich die Hoffnung nicht ganz auf. Nur wenn ich an unseren letzten (ja, nun vielleicht wirklich letzten) Spaziergang im Wald vor zwei Wochen denke, langsam, aber stetig und mit kleinen, alltäglichen Gesprächen, dann könnte ich heulen.
Um dem etwas Heiteres entgegenzusetzen, kommen zum guten Schluss noch drei winzigkleine "Montags-Mandalas", (inspiriert von "jahreszeitenbriefe") und gelegt auf kreisrunden grünlichen Flechten mit dem, was auf der Wiese hinterm Klinikzimmer zu finden war:
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mein Jüngster (18) von seinem ersten und durch die Wetterverhältnisse gleich ziemlich dramatischen Musikfestival, nämlich von "Rock am Ring", heute Gott sei Dank wohlbehalten heimgekommen ist. So kann ich am Ende dieser zwölf sorgenvollen Tage doch beruhigt einschlafen. Mir und euch allen wünsche ich eine ruhige, sommerlich schöne Woche!
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Um dem etwas Heiteres entgegenzusetzen, kommen zum guten Schluss noch drei winzigkleine "Montags-Mandalas", (inspiriert von "jahreszeitenbriefe") und gelegt auf kreisrunden grünlichen Flechten mit dem, was auf der Wiese hinterm Klinikzimmer zu finden war:
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mein Jüngster (18) von seinem ersten und durch die Wetterverhältnisse gleich ziemlich dramatischen Musikfestival, nämlich von "Rock am Ring", heute Gott sei Dank wohlbehalten heimgekommen ist. So kann ich am Ende dieser zwölf sorgenvollen Tage doch beruhigt einschlafen. Mir und euch allen wünsche ich eine ruhige, sommerlich schöne Woche!
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