Freitag, 17. Mai 2013

Zeitbewegt


Noch neun Tage bis zum Umzug - im Vergleich zu den einundzwanzig Jahren Familienleben, die jetzt in Umzugskisten zu verpacken sind, eine sehr kurze Zeit. Vieles ist schon eingepackt, und trotzdem sieht es immer noch überall so "voll" aus. Und die Zeit scheint immer rascher zu vergehen, je näher der Termin rückt... ich komme mir manchmal vor wie auf einem Floß, das flussabwärts treibt, schneller und schneller auf den Wasserfall zu...
Ja, die Zeit rast, läuft mir davon!
 

Tut sie das wirklich?
Beim Durchsehen vieler aufgehobener Zettel und Ausschnitte aus Zeitschriften, Kalendern u.ä. fand ich dieses Gedicht, das mich einlud, einen Moment innezuhalten:

Die Zeit

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein' Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf- und niedertaucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

 
 
Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End',
Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.

Gottfried Keller


Dieser Gedanke ist... erstaunlich. Elektrisierend! Nachdenkenswert.
Zeit ist also eigentlich, ihrem innersten Wesen nach, Bewegung. Würde jegliche, auch die allerwinzigste Atombewegung, auch jede (immaterielle?) Bewusstseinsregung, aufhören - dann wäre Zeit ein irrelevanter Begriff.
Es hängt somit auch von meiner Art, mich zu bewegen, ab, was "Zeit" für mich ist. Ich erzeuge meine Zeit selbst, durch meine Bewegung. Sie stößt sich manchmal hart mit den "Zeit-Bewegungen" anderer, der Bewegungsspielraum kann eng werden, aber wie ich mich darin - oder hindurch - bewege, ist meine Sache. Ob ich hektisch und kopflos durch die Gegend renne, mit dem Gefühl "das schaffe ich nie" - oder ob ich möglichst ruhig und stetig versuche, den Berg an Arbeit Stück für Stück zu bewältigen - zwar unter Zeitdruck, aber ohne dieses innere Bild vom Mitgerissenwerden.
Ich will's versuchen... und freue mich über diese Farnwedel, die mir mit ihrem aufrechten, gelassenen Sich-Entfalten ein schönes Beispiel geben:


(Bilder aus meiner Lieblings-Staudengärtnerei, von der ich später noch ein paar mehr Fotos zeigen möchte).

Kommentare:

  1. Wunderschöne Bilder! Und das Gedicht muß ich mir nochmal ganz in Ruhe durchlesen... da braucht man wohl etwas "ZEIT" um sich damit zu befassen...
    Ich habe gerade den Umzug meiner Schwester hinter mir - und ich möchte nicht in Deiner Haut stecken. Das muß manchmal sehr schwer sein, den nächsten Schritt zu gehen. Vieles neue anders. Früher viel mir das Umziehen noch leicht, aber jetzt wohne ich schon ewig hier - wenn ich mir vorstellen würde wegzuziehen, müßte ich wohl auch mit innerer Unruhe und Unsicherheit und grummelndem Magen rechnen...
    Ich wünsche Dir viel Energie für die Umzugszeit und hoffentlich einen ganz tollen Start in Deinem neuen Zuhause!
    LG Tinki

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  2. Wie schön, dass Du uns im Umzugs-Zeit-Druck noch an Deinen Gedanken und Bildern teilhaben lässt. Ich wünsche Dir viel positive Energie und ein gutes Einleben in der neuen Heimat. Herzliche Grüße, Christine

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  3. Mir spuken zum Thema Zeit gerade viele Gedanken durch den Kopf, ich weiß nicht ob ich sie sortiert bekomme. Sätze wie : dass die Zeit etwas von Menschen gemachtes ist oder dass sie einfach ist, was sie ist. Dass man immer genau die Zeit hat, welche man braucht und wie sehr ich mich beschränke, in dem ich mich an die Zeit binde. Sie ist Antrieb und Behinderung zugleich und es liegt an mir, wozu ich sie benutze und wie ich sie mir erschaffe.
    9 Tage bis zum Umzug können nichts sein aber auch ganz viel. Denke ich „in Zeit“, bleibt mir nicht viel davon.
    Im gewissen Sinne ist das einpacken und ausräumen auch eine kleine Zeitreise durch das er/gelebte Leben bis hierhin. ZEITreise oder ZeitREISE, das bestimmst Du.

    Alles Liebe wünsche ich Dir auf diesem Weg und ein gutes Ankommen
    Joona

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  4. Die senkrechten Farnwedel lassen mich daran denken, dass es auch eine Zeit gibt, die senkrecht gesehen (gefühlt) werden kann. Wir sehen, empfinden sie ja meist waagerecht. Erklären kann ich es im Moment nicht. Dazu spukt mir zu viel anderes im Kopf und ich müsste nachlesen.
    Danke für die Bilder, das Gedicht und deinen Brief. Oder hatte ich schon erwähnt, dass ich ihn erhalten habe?
    Zeit bewegt und manchmal scheint sie still zu stehen. Still zu sein.
    Ich denke an dich.
    Roswitha

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