Montag, 26. September 2016

h e i m g e h e n

Ja, das habe ich gestern geschrieben im letzten Satz, eine Stunde nach Mitternacht. Wohl wissend um die Doppeldeutigkeit dieses Wortes "heimgehen", aber nicht ahnend, dass der Abschied so nah sein könnte. Mein Vater hat es des öfteren gesagt, auch als er noch daheim war: "Ich will endlich heimgehen!" Wenn ich ihn dann daran erinnerte, er sei doch daheim, konnte er sagen: "Aber es fühlt sich nicht so an." 
In der Klinik benutzte er das Wort nur noch im Zusammenhang mit dem Schlafengehen, wenn er sehr müde war (meist schon vor dem Abendessen): "Ich will jetzt heim und ins Bett!"
Und in den letzten Wochen im Pflegeheim hatte ich das Gefühl, dass er keine wirkliche Vorstellung von "daheim" mehr hatte. Als er wieder einmal davon sprach, er wolle heimgehen, sagte ich: "Meinst du da, wo die Bethe ist?" (meine vor fünf Jahren verstorbene Mutter). Da nickte er: "Ja, da!" Ich glaube nicht, dass er da ans Sterben dachte, aber wohl an sein früheres Leben, das ihm jetzt wie eine verlorene Heimat erschien.
Von seinem Tod hatte er allerdings schon seit langem gesprochen und sich sehnlich gewünscht, endlich sterben zu können - eben, weil er sich im Leben nicht mehr daheim fühlen konnte.



Nur wenige Stunden, nachdem ich vom "Heimgehen" geschrieben habe, ist er heimgegangen. Nicht zu Hause in seinem eigenen Bett, wie er es sich eigentlich gewünscht hatte, aber doch ganz ruhig, im Schlaf. 
Und wir sind, nach dem ersten Erschrecken und den ersten Tränen (denen sicher noch weitere folgen werden), dankbar dafür, dass er so gehen durfte. So still und rasch, und vielleicht noch mit den Eindrücken eines wunderbaren kleinen Spaziergangs, den wir am Freitagnachmittag bei warmer Herbstsonne mit einem geliehenen Rollstuhl im benachbarten Park genossen haben, der auf der Anhöhe liegt und von wo man einen weiten Rundblick über Stadt, Land und Weinberge hat. Da meinte er, dies sei doch das schönste Fleckchen in der ganzen Stadt und er würde ganz gerne da wohnen...


Ich hoffe und glaube, dass er jetzt endlich da angekommen ist und wohnen darf, wo er sich so sehr hingewünscht hat. Im Licht, in der großen Liebe. Daheim.


Die Bilder sind von meinem Vater, sie sind vor ein paar Jahren entstanden, als er die "Enkaustik" entdeckt und damit experimentiert hat. Man arbeitet dabei mit Wachsfarbe und einem speziellen kleinen Bügeleisen.

Sonntag, 25. September 2016

Wie es weitergeht

Lange habe ich gewartet und gezögert mit dem Schreiben, wollte erst sehen, wie sich alles anlässt und ob es am Ende etwas Positives zu berichten gäbe. War so unsicher, ob es richtig ist, was ich tue - und so froh, eine Schwester zu haben, die mitdenkt und mitentscheidet und mit der ich mich einfach unglaublich gut verstehe.

Aber der Reihe nach. 

Zwei Wochen nach diesem Eintrag war klar, dass es mit meinem Vater doch nicht so weitergehen konnte. Ich war ständig mit heftig wechselnden Stimmungen und immer wieder mit - oft erschreckenden - Halluzinationen konfrontiert und konnte kaum etwas tun, um ihn da rauszuholen (außer einmal, als er überall Flammen sah und sehr aufgeregt war: da war er zum Glück gerade gut zu Fuß und wir setzten uns ins Auto und fuhren eine Weile durch die Gegend...). Es war psychisch und physisch ein dauerndes Auf und Ab. Ich sah ein, dass es ohne ein geeignetes Medikament nicht besser werden würde, und das konnte nur in der Klinik ausprobiert werden.
Also kam mein Vater nun doch in die Gerontopsychiatrie im Weißenhof-Klinikum. Ich mache es kurz: diese Station war das Beste, was uns in diesem Stadium passieren konnte. Hell und so wohnlich, wie es eben unter diesen Umständen möglich ist, mit freundlichem, hilfsbereitem Pflegepersonal, das sich Mühe gab, auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen, und mit sehr gutem Essen (wichtig!!). Ich war jeden Tag einige Stunden dort und hätte nie gedacht, dass ich mich an einem solchen Ort so wohlfühlen würde - auch wenn die Sorge um meinen Vater groß war, aber er war hier am momentan richtigen Platz. Ich habe viel gelernt in diesen drei Wochen, worüber ich später mal noch mehr schreiben möchte. Und einige der Patienten sind mir mit ihrem auf je ganz eigene Weise sonderbaren Wesen ein bisschen ans Herz gewachsen...
Nach einer Woche wurde ich zum Arztgespräch gebeten und erfuhr, dass mein Vater nicht Alzheimer hat, sondern eine Lewy-Körperchen-Demenz. Diese Demenzform hat dieselben Ursachen wie Parkinson und es können auch ähnliche Symptome auftreten (die Verlangsamung der Bewegungen, die schwer beweglichen Finger waren ja schon zu sehen). Im übrigen hat er die typischen Symptome, und auch die Tatsache, dass er die bei Alzheimer üblichen Medikamente nicht verträgt, gehört zum Krankheitsbild. Ein einziges Medikament wirkt ganz gut (Quetiapin), indem es die Heftigkeit der Halluzinationen etwas mildert. Aber leider gibt es keine Möglichkeit, etwas gegen die nächtliche Unruhe zu tun. In der Klinik wurde mein Vater nachts fixiert (mit einem sog. "Kombifix", der Hände und Füße freilässt). Der Arzt sagte, ich solle es mir gut überlegen, ob ich es unter diesen Umständen wirklich mit häuslicher Pflege versuchen wolle - er kenne keinen solchen Fall bei dieser Diagnose.
Meine Schwester und ich haben alle Möglichkeiten durchgesprochen. Der springende Punkt war letztlich die Tatsache, dass es wegen der Nächte nicht gehen würde. Auch mit Fixierung (was ich sehr ungern getan hätte) muss man regelmäßig nach dem Patienten schauen. Und ohne hätte ich weiterhin neben ihm schlafen und ebenfalls mehrmals pro Nacht aufstehen müssen.
Es grenzt an ein Wunder, dass wir in dieser Situation ganz kurzfristig nicht nur einen Pflegeplatz bekamen, sondern dass dieser auch in einem der drei Häuser ist, auf die ich für diesen Fall gehofft hatte. Mein Vater ist dort auf einer geschlossenen Station, es geht ihm - nun ja, gut wäre nicht das richtige Wort, aber besser als wir zu hoffen gewagt hätten. Er wird nicht fixiert, worüber er froh ist. Die Sturzgefahr ist natürlich da, aber es gibt dort keine Treppen und Stolperfallen wie zu Hause, weglaufen geht auch nicht, und die Nachtwache schaut oft herein. Mit dem Eingewöhnen wird es noch dauern, aber wir haben jetzt einen Rollstuhl bekommen, so dass wir raus in den Park gehen können und demnächst auch mal hierher nach Hause (ob er es wiedererkennt? ich bin gespannt). Als ich mich heute abend verabschiedete: Ade, Papa, ich gehe jetzt heim! fragte er: Heim... wohin?
Heimgehen dürfen - das wünschen sie sich, glaube ich, alle.  
 

Freitag, 2. September 2016

Von der Kunst, einen Kirschjoghurt zu essen

So ein Joghurt im Becher ist eine feine Sache: kühl und fruchtig, cremig und leicht zu löffeln und zu schlucken - das geht immer, auch wenn man von der Nudelsuppe Hustenanfälle bekommt und das Wurst- oder Käsebrot einfach nicht so recht runterrutschen will.
Dachte ich bis jetzt.
Inzwischen weiß ich, dass es für manche Menschen eine ganz schön schwierige Übung ist. Für meinen Vater zum Beispiel. Manchmal. Öfter.
Da muss man erst den Becher in die linke Hand nehmen - nicht oben und unten greifen, sondern die steifgewordenen Finger rund um die Bechermitte legen. 
Dann den Löffel irgendwie mit drei Fingern der rechten Hand festhalten, so dass die Wölbung nach unten und das Ganze Richtung Joghurtbecher zeigt. Man hat es vor sehr langer Zeit einmal gelernt und fast neunzig Jahre lang problemlos praktiziert, ohne je darüber nachzudenken. Nun muss man versuchen, es nicht ganz zu ver-lernen.
Die größte Herausforderung besteht nun darin, den Joghurt auf den Löffel und den Löffel in den Mund zu bekommen, ohne dass dabei Becher und Löffel in eine allzu heftige Schieflage geraten. Auch wenn es dabei auf ein paar Flecke gewiss nicht ankommt. 
Und man möchte diese komplexe Übung natürlich alleine schaffen, weshalb die ab und zu helfend eingreifenden Tochterfinger nur mit leisem Brummen akzeptiert werden.
Letztlich hat man es geschafft, sehr langsam und geduldig. Und die Tochter freut sich, dass man überhaupt Appetit hatte und nicht gesagt hat: "Das bringt mir doch nichts..."

 
Dieses Buch hat mir zu Beginn dieser "akuten" Phase nach dem Sturz meines Vaters viel gebracht. Inzwischen ist einiges geschehen, es gab Veränderungen und manche unvorhersehbaren Wendungen. Ich werde darüber berichten.

Aber jetzt geht es erst einmal in den Urlaub - mein erster seit zwei Jahren. Für meinen Vater ist gesorgt, meine Schwester hütet das Haus und wird ihn täglich besuchen - und Familie amselgesang, Eltern plus ein Sohn, fliegt heute nacht für zehn Tage nach ISLAND!!! Mit Mietwagen rechts um die Insel rum nach Norden bis zu diesem schönen wilden Fleckchen. Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich drauf freue... Machts gut und habt es gut, bis bald!   :-)

Montag, 8. August 2016

Himmelblau und Sonnengelb


So war das Wetter heute, schönstens abgebildet im - schon drei Tage alten und jetzt erst fotografierten - blumigen Spaziergangs-Mitbringsel: die Hunderunde führte an einem ganzen Feld voller Korn- und Sonnenblumen (und einiger anderer blühender Gründüngerpflanzen) vorbei. Da kann man sich schon mal ein klitzekleines bisschen bedienen, oder?

 

Sonntag, 31. Juli 2016

Schnell, schnell, Isabell... 12tel-Blick!



Mal wieder auf den letzten Drücker ist mein Juli-Blick entstanden. Mein Gefühl für das aktuelle Datum war noch nie gut, jetzt ist es gerade vollends im Eimer. Aber immerhin, I'm in time.
Dieses Mal leuchtet das Schilfgras im Teich zur Abwechslung in den letzten Abendsonnenstrahlen. Ich mag diesen Übergang vom Abendlicht in die Dämmerung und dann in die Nacht sehr gern. Zur Zeit kann ich leider keine größeren Spaziergänge in den Abend hinein unternehmen (so wie hier), meine "freie Stunde" am Ende des Tages führt mich immer ins Freibad, das ist mir einfach wichtiger. Einmal am Tag ein bisschen Sport muss sein. Aber auch der kleinste Garten wird von der untergehenden Sonne mit warmem Glanz verzaubert, und wenn sich das Ganze noch im Wasser spiegelt, ist es doppelt schön.



Verlinkt mit Tabea Heinicker: 12tel-Blick

Dienstag, 26. Juli 2016

Rosa



"Ich lerne viel", habe ich in einem der letzten Posts geschrieben. Das ist kein Wunder, wenn man täglich intensiv mit einer neuen Situation umgehen, auf ständig wechselnde und unvorhersehbare Ereignisse und Stimmungen reagieren muss und dabei erst allmählich herausfindet, wie das alles zusammenhängt und zustandekommt. Welches Verhalten welche Reaktion hervorruft. Wie die veränderte, verfremdete Wahrnehmung eines eigentlich vertrauten Menschen die ganze Kommunikation mit ihm verändert. 
Manchmal geschieht allerdings doch so etwas wie ein kleines Wunder, das ein ganz neues Licht auf den mühsamen Alltag mit einem Menschen wirft, der aus der Normalität und aus seiner Vertrautheit mit seinem Leben herausgefallen und dadurch zutiefst verunsichert und deprimiert ist. Ein kleines Wunder, das zeigt, wie viel seelische Kreativität trotz des unaufhaltsamen Verfalls noch in ihm steckt. 


Es hat ja eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass es gar nichts hilft, einem dementen Menschen seine irrealen Vorstellungen ausreden oder ihm gar das Gegenteil beweisen zu wollen. Ein kleines Beispiel:
"Wo sind wir hier eigentlich? Ich will endlich wieder nach Hause!"
"Papa, das ist doch unser eigenes Haus!"
"Ach was, so ein Blödsinn! Das ist doch nicht mein Haus!" 
"Schau mal, da sind doch deine Möbel - deine Bücher - deine Bilder..."
"Ja, das finde ich also schon empörend, dass die das alles geklaut haben!"
(Ich überspringe einen Teil des sinnlosen Dialogs-)
"Papa, weißt du was? Wir gehen jetzt mal zur Haustür und schauen, was auf dem Klingelschild steht. Da steht doch immer der Name von den Leuten, denen das Haus gehört."
"Ja, gut, das machen wir."
Wir gehen hin und lesen, was auf dem Schild steht.
"Schau, Papa: das ist dein Name. Und das da ist meiner."
Kurze Pause. Dann Entrüstung: "Also - das ist aber wirklich allerhand...!!!"

Was in dieser Szene eher humoristisch wirkt, führte in anderen Fällen oft zu richtigem Streit. Er bestand darauf, dass ich über irgendwelche Dinge Bescheid wissen müsse, die er geträumt oder halluziniert hatte. "Aber du warst doch selbst dabei!" Wenn ich dann beteuerte, ich wisse davon nichts, dachte er, ich verschweige ihm etwas. Ich habe viel zu lange nicht kapiert, dass ich diese Konfrontationen nicht gewinnen kann und dass mein Vater daraus nur den Schluss zog, dass ich gegen ihn sei.


Wieder einmal war ich in so eine "Falle" getappt und wir waren beide erschöpft von einem längeren Wortwechsel. Plötzlich schaute er mich aufmerksam an und sagte: "Wer sind Sie denn?" Ich dachte: o je, jetzt fängt das an, dass er mich nicht mehr kennt! Während ich noch verwirrt schwieg und überlegte, was ich sagen sollte, fragte er: "Kennen Sie meine Tochter? Die Brigitte?" - "Ähm- ja, die kenne ich..." - "Das ist eine ganz Schlimme, wissen Sie. Die ist immer so von oben herab, eiskalt, kommandiert mich ständig rum... gerade war sie noch da!"
Es entspann sich ein Gespräch, in dem ich versuchte, mitzuspielen, ohne geradezu lügen zu müssen. Es war aber gar nicht so schwierig, es hatte wirklich was von einem Spiel, obwohl mein Vater es sichtlich ganz ernst nahm. Die vorherige Aufregung war ganz weg, auch ich war erleichtert und froh über die Rolle, die er mir so unverhofft zugedacht hatte. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa, er war sehr zutraulich und lieb und erzählte mir aus seinem Leben. Freute sich, als ich auf seine Frage antwortete, dass ich seine Frau gut gekannt habe. Er ging bald zum Du über, was es mir leichter machte. Schließlich die Frage, wo ich denn wohne? - "Ich... also ich wohne hier im Haus." Große Verwunderung: "Wenn man das früher gewusst hätte - da hätte man ja alles mögliche zusammen machen können... Das ist aber schade!"
Schließlich wurde er müde und wollte sich hinlegen. Als ich ihn zum Bett begleitete, drehte er sich plötzlich zu mir um und sagte: "Wo ist sie denn hin?" - "Wer denn, Papa?" - "Na, die - die gerade hier war - hast du sie nicht gesehen?" - "Mhmm - nein, ich glaube nicht...". Er schaute sich im Zimmer um und rief: "Rosa! Roosaa - jetzt ist sie nicht mehr da!" - Ich, ehrlich überrascht: "Ach, Rosa heißt sie?" Er nickte. Ich sagte: "Die kommt bestimmt mal wieder." Dann legte er sich hin und schlief ein.
Und ich, ich war wie - verzaubert. Ich konnte nur staunen: Wie er uns aus der verfahrenen Situation herausgeholt hatte, bestimmt ganz unbewusst, aber mit traumwandlerischer Sicherheit. Wie er es fertiggebracht hatte, mich so zu "verwandeln", dass er mich wieder mögen konnte. Mehr noch: Er hatte mir gezeigt, wie er mich brauchte. Er hatte mir beigebracht, wie man mit ihm umgehen muss. Er hatte mich gelehrt, was wirklich wichtig ist, nämlich dass ich ihn so sein lasse, wie er jetzt nun mal ist, und nicht versuche, ihn zu belehren über eine Welt, die ihm fremd geworden ist.



Und nun versuche ich eben, etwas mehr "Rosa" zu werden. Sie gefällt mir gut, muss ich sagen! Brigitte spricht schnell und bewegt sich rasch - Rosa redet ziemlich langsam und  fast ein bisschen fragend, und ihre Bewegungen sind ruhig und sachte. Die "Hoppla-jetzt komm-ich" - Art, welche Brigitte leider manchmal an sich hat, ist ihr ganz fremd. Wo Brigitte in gewissen Situationen hektisch ruft: "Neiiin, Papa, doch nicht hier!!!", bleibt Rosa ganz gelassen und holt den Wischlappen. Und anstatt irrationale Aussagen zu kommentieren, macht sie oft nur "mmmhhh..." oder "aha!" oder "o je!".
Das Beste ist, dass ich mich gar nicht so sehr verstellen muss, um "Rosa" zu sein. Sie ist ja eigentlich schon in mir drin, ich muss ihr nur öfter die Führung überlassen. Sie tut mir gut, die Rosa, und ich betrachte sie mittlerweile als ein sehr gelungenes Geschenk meines Vaters - auch wenn er sie inzwischen schon wieder vergessen hat. 

Freitag, 22. Juli 2016

Nicht nach Plan

Ich tue jetzt etwas, was ich noch nie getan habe und wohl auch nicht wieder tun werde: ich stelle einen Brief, den ich geschrieben habe, fast wörtlich in den Blog. Es ist ein Brief an unseren Doc, und er ist nicht anders formuliert als ein ausführlicher Blogpost es wäre.
Ich danke allen, die uns mit ihren Gedanken und gedrückten Daumen nahe waren - vielleicht hat diese liebevolle Energie dazu beigetragen, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie es taten und ich mir so sicher sein konnte, dass es richtig war, den Plan zu ändern.

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                                                                                                                  Freitag, 22.7.2016

Lieber Herr ... (unser geschätzter Hausarzt),

ich mach's schriftlich, dann können Sie es lesen, wenn Sie gerade Zeit dazu haben und keine Patienten deswegen warten müssen.

Am Dienstag war ich bei Ihnen, ziemlich verzweifelt wegen mehrerer durchwachter Nächte, und Sie haben für meinen Vater den Termin im Weißenhof gebucht. Außerdem sagten Sie, ich solle doch jetzt einmal dieses Schlafmittel (Zopiclon) geben und schauen, ob das nicht hilft.
Ich habe tagsüber möglichst viel geschlafen und mich ganz gut erholt. Um 19 Uhr habe ich ihm eine Tablette gegeben. Die ganze Nacht war keine Wirkung zu sehen, mein Vater war wach und wollte immer wieder aus dem Bett aussteigen (Pflegebett mit Rausfallschutz). Ich habe ihn nicht wie sonst aktiv, mit Festhalten, daran gehindert, denn das hatte immer Wut und Handgreiflichkeiten zur Folge gehabt (aus seiner Sicht verständlich, denn er fühlte sich ja eingesperrt). Ich stellte mich einfach so vors Bett, dass er nicht rauskam, ohne ihn anzufassen, und sagte nur beiläufig: „Ich bleib hier stehen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen wirkte das Wunder, er gab bald auf und war dann wieder längere Zeit ruhig. 
Morgens gegen 7 Uhr setzte dann die Wirkung des Schlafmittels ein, er ist praktisch beim Frühstück eingeschlafen und schlief mit einer kleinen Unterbrechung etwa acht Stunden. Dann kam eine Phase, die ich vom Krankenhaus her schon kannte: zwei Stunden lang wechselten Ansprechbarkeit und plötzliches Wegdämmern in kurzen Intervallen (~minütlich). Ich hab in dieser Zeit versucht, ihn immer wieder etwas trinken zu lassen, denn durch das lange Schlafen hatte er viel zu wenig getrunken.
Zwischen 21/22 Uhr war er wach, aber sehr desorientiert, lief langsam, steif und wackelig ziellos herum, putzte fünfmal die Zähne, hatte Sprachprobleme, war unruhig, aber - da ich mich bewusst sehr zurücknahm und ihn machen ließ - friedlich. Gegen 23 Uhr ging er zielgerichtet in sein eigenes Bett (nicht ins Pflegebett) und schlief, mit einer Unterbrechung durch Toilettengang, bis früh um sieben! Dann wach, leicht desorientiert, aber fügsam: Waschen, Toilette, Frühstück
. Jetzt sichtlich ohne die Nebenwirkungen des Schlafmittels, mit klarem Blick und verständlicher Sprache.
Das war der Moment, wo ich mir sicher war, dass ich ihn jetzt nicht aus diesem friedlichen Zustand rausreißen und in eine fremde, für ihn äußerst furchteinflößende Umgebung mit lauter fremden Menschen bringen kann. Es wäre genau das passiert, was im Krankenhaus schon passiert ist: Panik, Aggression, Fluchtversuche, Sedierung, möglicherweise Atemprobleme, er kann sich nicht verständlich machen... usw. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sowohl Beruhigungs- als auch Schlafmittel den ohnehin labilen Tagesrhythmus noch mehr durcheinanderbringen. Am meisten erschreckte mich die lange anhaltende Störung des Gleichgewichts, die Benommenheit und die massiv gestörte Sprache. 
Dazu kam, dass ich am Abend zuvor einen Anruf von einer Kollegin bekommen hatte wegen einer ganz anderen Sache, nur zufällig kamen wir auf meinen Vater zu sprechen. Sie hatte ihre Schwiegermutter betreut, während diese zur med. Einstellung in Weinsberg gewesen war, und sagte, dass die Station immer sehr voll belegt und das Personal am Rande der Überforderung gewesen sei. Sie hat viel mitgeholfen und auch als einzige bemerkt, dass die Schwiegermutter nach einem Sturz aus dem Bett Schmerzen hatte, die Pflegerinnen meinten, das gehe bald vorbei. Meine Kollegin veranlasste eine Untersuchung, die ergab, dass der Oberschenkel gebrochen war. 
Das erinnerte mich an meine Erfahrungen im Krankenhaus, wo es wegen der Überforderung eigentlich sehr hilfsbereiter Schwestern geschehen konnte, dass mein Vater übers Bettgitter kletterte und im Zimmer herumlief (hoch sturzgefährdet), obwohl ein Bettnachbar sofort und mehrfach nach der Schwester geklingelt hatte. Ich kam zufällig gerade da von einem kurzen Spaziergang zurück und musste die Schwester selber suchen gehen. (Das war übrigens eine spezielle geriatrische Station, wo immer mit Weglaufen oder unkontrolliertem Verhalten der Patienten zu rechnen ist, und es war bekannt, dass mein Vater dement und weglaufgefährdet ist).
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe in Weinsberg angerufen, einem Arzt die Situation kurz erklärt und gesagt, ich möchte gerne noch einige Tage zuwarten, ob es nicht doch von selber, ohne Medikamente, ausgeruht und mit dem, was ich inzwischen über das Vermeiden aggressiver Reaktionen gelernt habe, besser würde. Der Arzt reagierte erst ziemlich barsch, ließ sich dann aber doch auf meine Bitte um Verständnis ein und meinte, wenn es dann doch nicht gut gehe, solle der Hausarzt eben nochmal anrufen.
Lieber Herr ...(s.o.), nehmen Sie mir dieses „Rumeiern“ bitte nicht allzu übel, ich merke einfach erst allmählich, wie ich mit meinem Vater umgehen muss, damit er sich möglichst sicher fühlt und dann auch besser schlafen und mir vertrauen kann. In den letzten Tagen und nachdem ich mich mal ausgeschlafen hatte, habe ich viel gelernt, auch durch ein paar gute Internetseiten. Mir ist klar, dass es auch ohne durchwachte Nächte schwierig werden kann, und die Notwendigkeit ständiger Überwachung zuhause ist kein Dauerzustand. Ich habe meinen Vater sowohl im ... (Pflegeheim mit Demenzschwerpunkt) als auch im ...(anderes Pflegeheim) vormerken lassen. Und ich werde mich bei der Diakoniestation, von der ich schon einige Hilfe bekommen habe, beraten lassen, wie ich Entlastung bekommen kann (z.B. tageweise Betreuung), damit wir auch als Familie wieder etwas mehr Freiraum bekommen.

Nun werde ich sehen, wie es übers Wochenende geht. Falls Sie in der nächsten Woche ein kleines „Zeitfenster“ offen haben, wäre ich froh, wenn Sie mal bei uns hereinschauen könnten. Einfach, um den Allgemeinzustand zu beurteilen (z.B. evtl. Austrocknung und die immer noch nicht ganz verheilte Kopfwunde, die er sich leider nachts aufgekratzt hat).

Vielen Dank für Ihre Geduld und herzliche Grüße,
                                                     Ihre Brigitte ...(amselgesang)


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Bei den Pflegeheimen geht nichts unter einem halben Jahr, deshalb die Voranmeldung. Man wird benachrichtigt, wenn ein Zimmer frei wird, und kann dann entscheiden. Für uns ist es eine Absicherung, falls es mit der Pflege hier im Haus zu schwierig wird. Der heutige Tag verlief übrigens ruhig. Ich lerne ständig dazu.