Noch neun Tage bis zum Umzug - im Vergleich zu den einundzwanzig Jahren Familienleben, die jetzt in Umzugskisten zu verpacken sind, eine sehr kurze Zeit. Vieles ist schon eingepackt, und trotzdem sieht es immer noch überall so "voll" aus. Und die Zeit scheint immer rascher zu vergehen, je näher der Termin rückt... ich komme mir manchmal vor wie auf einem Floß, das flussabwärts treibt, schneller und schneller auf den Wasserfall zu...
Ja, die Zeit rast, läuft mir davon!
Tut sie das wirklich?
Beim Durchsehen vieler aufgehobener Zettel und Ausschnitte aus Zeitschriften, Kalendern u.ä. fand ich dieses Gedicht, das mich einlud, einen Moment innezuhalten:
Die Zeit
Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein' Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.
Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf- und niedertaucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End',
Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.
Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.
Gottfried Keller
Dieser Gedanke ist... erstaunlich. Elektrisierend! Nachdenkenswert.
Zeit ist also eigentlich, ihrem innersten Wesen nach, Bewegung. Würde jegliche, auch die allerwinzigste Atombewegung, auch jede (immaterielle?) Bewusstseinsregung, aufhören - dann wäre Zeit ein irrelevanter Begriff.
Es hängt somit auch von meiner Art, mich zu bewegen, ab, was "Zeit" für mich ist. Ich erzeuge meine Zeit selbst, durch meine Bewegung. Sie stößt sich manchmal hart mit den "Zeit-Bewegungen" anderer, der Bewegungsspielraum kann eng werden, aber wie ich mich darin - oder hindurch - bewege, ist meine Sache. Ob ich hektisch und
kopflos durch die Gegend renne, mit dem Gefühl "das schaffe ich nie" -
oder ob ich möglichst ruhig und stetig versuche, den Berg an Arbeit
Stück für Stück zu bewältigen - zwar unter Zeitdruck, aber ohne dieses
innere Bild vom Mitgerissenwerden.
Ich will's versuchen... und freue mich über diese Farnwedel, die mir mit ihrem aufrechten, gelassenen Sich-Entfalten ein schönes Beispiel geben:
(Bilder aus meiner Lieblings-Staudengärtnerei, von der ich später noch ein paar mehr Fotos zeigen möchte).